Jeden Morgen finde ich in den Tangbüscheln am Strand auch einige rote Seesterne. Wenn ich ihre fünf ebenmäßig von der Mitte ausstrahlenden Arme betrachte, fallen mir die sehr ähnlichen Versteinerungen ein, die beweisen, daß es schon in der Devonzeit, vor ungefähr vierhundertsechzig Millionen Jahren, Seesterne gab, welche die Muscheln auf dem Meeresgrund genau so umklammerten und aussogen, wie es ihre Nachfahren heute tun. Diese Stachelhäuter sprengen durch beharrlichen Zug die Muschelschalen auseinander und stülpen dann ihren Magen über die weichen Teile.

Unsere Vorstellungskraft weigert sich, einen Zeitraum zu denken, der über hundert Jahre um ein Vielfaches hinausreicht. Der Mensch nimmt die ihm mögliche Lebensdauer zum Maßstab für alle Zeitberechnungen. Die Multiplikation mit zehn oder hundert gelingt noch. Aber was mit seinesgleichen vor mehr als zehntausend Jahren geschah, kann er nur noch aus Steinwerkzeugen und verstreuten Funden gelegentlicher Überbleibsel erschließen. Was vor hunderttausend Jahren mit seinen Vorfahren war, ist ungewiß, und wenn man diese Zahl noch einmal verzehnfacht und versucht, eine Million Jahre zurückzuschauen, verlieren sich die menschlichen Wesenszüge gänzlich. Aus den Funden der Kreidezeit läßt sich nachweisen, daß es Säugetiere schon vor über sechzig Millionen Jahren gegeben hat.

Wenn man sich fragt, wie lange die Milliarden sonnenhafter Sterne der Milchstraße wohl schon brennen, so schrumpfen freilich die irdischen-Zeiten bescheiden zusammen, und dann sind die tausend Millionen Jahre, die der Granitstein aus dem Strandgeröll alt sein mag, nicht allzu viel.

Wer solche Berechnungen, anstatt sie aus der Vergangenheit abzulesen, in die Zukunft hineindeuten wollte, würde den Bogen vom Dereinst zum Nimmermehr schlagen. Denn auch für die Vorausschau gilt wiederum der Maßstab der menschlichen Lebensdauer, und was in tausend Jahren sein wird, braucht uns nicht zu bekümmern. Vielleicht wird es Seesterne auch ebensolange geben, wie es sie schon gegeben hat. Denn das Meer wird auch nach manchen Katastrophen auf unserem Planeten noch weiterrauschen, und solange die Muscheln sich auf den Küstenbänken halten, wird es auch an Seesternen nicht fehlen, welche diese überfallen.

Für die humanen Berechnungen kommt es nicht auf unvorstellbar große Zahlen an, und so ist es viel dienlicher, abzuwägen, was uns hier und jetzt widerfährt, als den kommenden Verhängnissen entgegenzubangen. Die Phantasie tiftelt sich zuweilen ein eisiges Erstarren, ein berstendes Zertrümmern, ein versengendes Verdorren aus, aber wir tappen da doch wohl im Düstern und überschätzen das Mißvergnügen und die Bosheit der Menschen, welche sich anschicken, ätzenden Haß über die Oberfläche der Erde auszugießen. Es fällt immer wieder Regen auf jeden angestifteten Steppenbrand, und hernach wächst das Gras von neuem.

Hundert Jahre sind 36 500 Tage. Der einzelne Tag bedeutet in einer solchen Summe einen Wert, und darum ist es schade um jeden mit überflüssigen Sorgen zerquälten. Gewonnen ist uns aber ein ausgekosteten Tag in der Sonne, an dem uns der freundliche Gedanke kam, das Elend in unserer Nahe zu lindern und des Schönen und Währenden auf dieser Erde innezuwerden. Das Bewußtsein, daß unsere Lebensspanne nur eine einzige geringe Kerbe im Ablauf der Zeiten ist, hilft uns dazu, das Geschubse und Gefuchtel der im Momentanen Aufgehenden wie das zornige Gesumm in einem verstörten Bienenhaus anzuhören und dieses einzige Leben auf dem irdischen Stern nicht unnütz zu verhaspeln und in die Schlucht der johlenden Unvernunft zu werfen. Die Tausenderberechnung taugt nicht für unser Glück, sondern nur die nach Tagen und Stunden. Richard Gerlach