Die erste Auflage der Neuerscheinung Die Nachfolger der Ruhrkonzerne ist bereits vergriffen; die zweite Auflage in den Vorbestellungen vorwegdisponiert; die dritte Auflage wird vorbereitet. Grund: Die Verfasser K. H. Herchenröder, Johannes Schäfer und Manfred Zapp haben mit ihrem Buch über die „Neuordnung“ der Montanindustrie ein Werk geschaffen, das mehr als alles andere, was in jüngster Zeit auf dem Gebiet der industriellen Literatur erschien, den Anspruch erheben darf, eine publizistische Notwendigkeit erfüllt, eine empfindliche Lücke geschlossen und ein sauberes Werk geliefert zu haben. Wir stellen die Verfasser, soweit sie unseren Lesern nicht bekannt sein sollten, vor: Herchenröder ist Chefredakteur vom „Handelsblatt“, Dr. Johannes Schäfer war früher Leiter der Wirtschaftsredaktion der „Kölnischen Zeitung“ und ihr späterer Chefredakteur; unseren alten Lesern aus den ersten Nachkriegsjahren als Rhein-Ruhr-Redakteur der ZEIT bekannt. Dr. Manfred Zapp ist der Sohn einer altangesehenen Düsseldorfer Industriellenfamilie und Schriftsteller aus Leidenschaft.

Auf 330 Textseiten ist die Leidensgeschichte der Ruhrindustrie und ihrer Konzerne zusammengefaßt. Sie begann 1945 mit den alliierten Bajonetten und fanatischen Haßreden sogenannter Arbeiterführer, die auf den Trümmerbergen der zusammengebombten Werkshallen unter roten Fahnen den „Ruhrbaronen“ ewige Rache schworen und sowjetisch-sozialistische Errungenschaften wie ein Sieg-Heil verkündeten. Das Buch zeigt den Bogen vom Morgenthauplan und den Demontagen über das Ruhrstatut bis zum Schumanplan. Es legt eindeutig die Experimentierfelder dar, die der Westen an der Ruhr geschaffen hatte, als er das natürliche Wachstum der deutschen Montanunternehmen – die bewährten Verbindungen zwischen Kohle und Stahl – zerschnitt und aus den früheren Ruhrkonzernen eine Vielzahl von Nachfolgeunternehmen ohne recht organische Struktur konstruierte.

In diesem „Konzernbuch für jedermann“ – so möchten wir es titulieren – läuft wie ein Roman die Entflechtungs-Chirurgie an den Vereinigten Stahlwerken, an der Gutehoffnungshütte mit Rheinpreußen und Neumühl, an Krupp, Klöckner, Mannesmann, Hoesch, Flick, Stinnes, Otto Wolff, Stumm und Ilseder Hütte mit allen ihren Tochtergesellschaften vorbei. Aber es ist eben kein Roman: das Buch ist über das hinaus, was es an zeitgeschichtlicher Darstellung bringt, ein historisches Nachschlagewerk erster Qualifikation mit allen nur denkbaren wirtschaftlichen, produktioneilen, finanziellen und personellen Angaben über die neuen Unternehmen. Selbst die Aktiven und Passiven der Gründungsdaten sind enthalten. Besonders wertvoll ist das umfangreiche Personen- und Firmenverzeichnis, in dem wohl kein Name fehlt, der in diesem Zusammenhang genannt werden muß.

Unentbehrlich bleibt das Ruhrpotential für Europa. Was sich dabei heute als neues Strukturbild der westdeutschen Montanindustrie darbietet, kann und wird nicht endgültig sein. Diese Erkenntnis durchzieht das ganze Buch wie ein roter Faden. Die Geschichte der Entflechtung, als eine Geschichte des Irrtums, des industriellen Niederganges und wirtschaftspolitischer Verblendung, bestätigt schon jetzt – kaum daß die Entflechtung beendet ist! –, daß die Wirtschaftskräfte an der Ruhr, daß Grundstoff Kohle, Grundstoff Stahl, Grundstoff Gas und Strom sich nicht von Doktrinen und Traumgebilden vergewaltigen lassen. Mit vollem Recht zitieren (in diesem Zusammenhang) die Verfasser Wort und Geist des Schumanplanes, Wort und Geist der Begriffe Modernisierung und Rationalisierung und erklären zum Abschluß ihres Buches, daß das bejahte Ziel der europäischen Integration jede unterschiedliche Behandlung verneint, und daß Mißachtung der Gleichheit aller Mitgliedsstaaten der Montan-Union ein unlösbarer Widerspruch zu dem Gedanken der Gemeinschaft Europas sei.

Dieses Buch, erschienen im Econ-Verlag GmbH., Düsseldorf, gehört nicht nur auf den Schreibtisch der leitenden Männer in den Werken der Grundstoffindustrie. Es gehört ebenso auf den Schreibtisch jedes Betriebsinhabers, der sich nicht wie eine blinde Eintagsfliege durch die Wirtschaft seiner näheren und weiteren Umgebung tasten will, sondern weiß, daß alle industrielle und gewerbliche Tätigkeit irgendwie mit der Grundstoffproduktion an Rhein und Ruhr und ihren Betrieben im Zusammenhang steht. Das Buch gehört aber auch in die Universitäten, in die Handbibliothek jedes Studenten und jeder Studentin der Wirtschaftswissenschaften und der Handelshochschulen – wir möchten sogar sagen, es gehört in jede Schule, in jede gebildete Familie, damit die Jugend von früh an eine richtige und nicht von Ressentiments gefälschte Kenntnis über die „Zentralturbine“ der deutschen Wirtschaft, über die montanen Gebilde an Rhein und Ruhr erhält. In diesem Buch ist nicht über irgendwelche Männer, irgendwelche Mächte, irgendwelche Monopole gedichtet oder gelästert worden; mit diesem Buch wird in der Tat ein sehr wertvolles Stück Wiederaufbauarbeit am Wissen des deutschen Volkes geleistet. W.-O. Reichelt