Zum Tode Friedrich Meineckes

Seitdem zu Ende des vorigen Jahrhunderts für den zu hohem Alter gekommenen, aber immer noch redefreudigen liberalen englischen Premier Gladstone die Bezeichnung grand old man erfunden wurde, hat man sich angewöhnt, dieses schmückende Wort auch im Deutschen auf alle anzuwenden, die noch als Achtzigjährige eine führende Stellung haben. Der grand old man hat den früher üblich gewesenen „Nestor“ in die Niederungen der Boulevardpresse herabgedrückt.

Es muß daher von dem großen deutschen Historiker Friedrich Meinecke, der in diesen Tagen als Zweiundneunzigjähriger gestorben ist, ausdrücklich gesagt werden, daß er zwar bis in seine letzte Lebenszeit höchstes Ansehen weit über die Grenzen seines Fachs genoß, daß er aber nie ein grand old man gewesen ist. Denn grand besagt immer auch soviel wie „großartig“, mit einer Schattierung ins Großspurige. Wer grand ist, macht Wesens von sich – und eben dies hat Friedrich Meinecke zu keiner Zeit seines Lebens getan. Selbst das Wort Größe angesichts seiner Persönlichkeit und seines Lebenswerkes auszusprechen, zögert man – es sei denn in dem Sinne, wie Winckelmann (als Stendaler ein engerer Landsmann des Salzwedelers Meinecke) von der „stillen Größe“ antiker Bildwerke sprach. Denn von Meineckes leiser Stimme und seiner immer behutsamen, höflich abgewogenen Prosa ging nicht die Flamme der Leidenschaft aus, sondern eher die ruhige Intensität des Betrachtens.

Wer die gerade jetzt neu erschienene Sammlung seiner Aphorismen und Skizzen zur Geschichte zur Hand nimmt (K. F. Koehler Verlag, Stuttgart, 181 S), wird erkennen, warum gerade Meinecke derjenige unter den Historikern des zwanzigsten Jahrhunderts werden mußte, dem das moderne Geschichtsbewußtsein selbst mehr und mehr zum Thema seiner Forschung wurde. Denn nichts ist ja weniger selbstverständlich, als daß der Menschen seine gesamte Umwelt auf ihre Herkunft und ihr Werden abfragt und sich nicht zufrieden gibt, bis er den Ursprung der Kultur, in der er lebt, klar vor Augen sieht. Nichts, mit anderen Worten, ist weniger selbstverständlich als die moderne europäische Geschichtswissenschaft und ihre Grundlage, der Historismus, der sich auf unser gesamtes Leben auswirkt, oft erhellend, oft aber auch lähmend. Der neuzeitliche Mensch – das hat Meinecke als erster erkannt und beschrieben – sucht bei jeder geschichtlichen Erscheinung zu verstehen, wie sie geworden ist. Dieser geschichtliche Sinn, der sich seit etwa 1800 im Abendland ausbreitet, hat ein doppeltes Gesicht. „Er schwächt das Leben, wenn er im Anblick der unzähligen individuellen Lebensmächte, die ihm in der Geschichte entgegentreten, ratlos oder gleichgültig wird, den Glauben an unbedingt verpflichtende Normen des Handelns überhaupt verliert und so, um mit Dilthey zu sprechen, in die ‚Anarchie des Denkens‘ gerät. Er steigert das Leben, wenn er das Lebensrecht sowohl der eigenen Innerlichkeit wie der ihn umgebenden und nährenden Lebensmächte bewußt und tief empfindet und aus ihm heraus auch handelt. Es ist also Sache des Charakters, ob die eine oder die andere Wirkung eintritt.“

Diese Sätze veröffentlichte Meinecke während des zweiten Weltkrieges. Sie hatten damals eine unmißverständliche Spitze gegen jeden, der so weit in die „Anarchie des Denkens“ geraten war, daß er dem NS-Staat ratlos gegenüberstand und an dem Lebensrecht der eigenen Innerlichkeit zweifelte. Aber sie bleiben gültig, solange der geschichtliche Sinn selbst eine Lebensmacht ist – also für alle absehbare Zukunft.

Bei Nachrufen auf Gelehrte pflegt man ihre Hauptwerke zu rühmen. Aber bei Friedrich Meinecke fiele es nicht schwer, die wissenschaftliche Bedeutung seiner wichtigsten Bücher („Vom Weltbürgertum zum Nationalstaat“, „Die Idee der Staatsräson“, „Die Entstehung des Historismus“) hervorzuheben. Aber wichtiger noch als die abgeschlossenen Einzelwerke ist bei Meinecke die unablässige Besinnung gewesen, die immer und immer wieder das eigene Tun im Hinblick auf das Schicksal Deutschlands überprüfte. Sie durchzog jede seiner Äußerungen und wird dem Nachlebenden, wo er auch eine Schrift Meineckes aufschlägt, die Erkenntnis vermitteln, daß sich der Rang eines geistigen Menschen an seinem Mut, die Mitschuld an der Ohnmacht des Geistes zu tragen, ablesen läßt. C. E. L.