Essen‚ im Februar

Bei der Uraufführung von Reinhold Schneiders „Innozenz und Franziskus“ in Essen begab sich etwas durchaus Außergewöhnliches: einen vierstündigen Theaterabend lang saßen die Premierengäste – unter ihnen Bundespräsident Professor Heuss – demselben, nur durch ganz wenige Versatzstücke jeweils von Szene zu Szene veränderten Prospekt gegenüber, vor einem „dramatischen Spiel“, das sich im wesentlichen mit einer allen theatralischen Gepflogenheiten entsagenden Art fast ausschließlich auf geistiger Ebene bewegte. Hier fand man weder stoffliche noch szenische Sensationen, scheinbar nicht einmal eine „durchgehende“ Handlung – jedenfalls, wenn man sich nur an das Sichtbare hielt. Und doch verdichtete sich die Spannung – welche das Theater nun einmal nicht entbehren kann – fühlbar von Akt zu Akt, und so gab es am Schluß wahre Ovationen für den Autor und seine künstlerischen Helfer.

„Innozenz und Franziskus“ ist ursprünglich zweifellos ein „Lesedrama“. Aber dem Regisseur Heinz Dietrich Kenter ist es in Zusammenarbeit mit dem Dichter gelungen, das Stück so zu raffen und zu straffen, daß jene unleugbare auch theatralische Wirkung möglich wurde. Es gelang – sagen wir vorsichtig: an diesem ersten Abend – die Menschen im Zuschauerraum zu zwingen, einmal wieder in ganz ungewohnter, unzeitgemäßer Weise auf ein Drama zu reagieren. Denn was hier wirksam ist, das ist beinahe einzig die Leidenschaft des Gedankens und die Kraft des Wortes. Eines Wortes freilich, das stark genug ist, alles zu sagen, was gesagt sein will, ohne darum auf „Neuheit“ oder Absonderlichkeit angewiesen zu sein. Diese dramatische Dichtung ist also eine Erscheinung völlig sui generis. Sie kann und wird keine Schule machen, ist wahrscheinlich unnachahmbar, da sie keine Möglichkeit bietet, epigonale Routine anzuregen; wie sich auch ihre Darstellung jeglicher Routine des Theaters – auch der besten, handwerksmäßigen – verschließt.

In den Vorgängen dieses Spiels will Reinhold Schneider zeigen: „Die Gleichzeitigkeit einander bekämpfender, vernichtender Rechte oder Berufungen, über denen die rätselhafte Antwort der Wahrheit schwebt; es geht um die Notwendigkeit unlösbarer Konflikte in der Seele wie in der Geschichte.“ Es geht, darf man anders sagen, um die tragische Tatsache, daß jede Macht unausweichlich schuldhaft ist, auch und gerade vor dem Anspruch des höheren Gesetzes, von dem sie ihren Auftrag hat und dem sie dienfen will. ‚So enthüllt sich in der mächtigen Gestalt des großen Papstes Innozenz III., der mit drei Kaisern zu ringen hat, gegen den sich die Katharer erheben und dem schließlich selbst der Heilige als Ankläger vor dem eigenen Gewissen begegnen muß, die Zwiegesichtigkeit der Kirche und ihres höchsten Amtes zwischen dem Auftrag, die Welt zu ordnen, und dem Zwang, dafür Macht zu gebrauchen, die immer wieder – unvermeidlich – Ordnungen verletzt. Möchte jemand vermuten, in diesem tragischen Schauspiel sei es auf irgendeine Tendenz abgesehen, so möge ihm nicht entgehen, daß hier die entscheidenden Warnungen und Mahnungen, die Stimmen des Gewissens, das nach kompromißloser Glaubenserfüllung verlangt, zwar den „Ketzern“ in den Mund gelegt werden, daß aber eben diese Stimmen auch in dem Mächtigen lebendig sind, der ihre Lehren um der Ordnung willen verdammen muß. Wer aber geneigt wäre, die allgemeine Bedeutung des Spiels allein in den aktuellen Beziehungen zur Frage von Macht und Gewalt zu suchen, den lenkt der Dichter um so deutlicher auf das Menschliche schlechthin, dessen ewige Gefährdung – vom Wesen der Weltordnung selbst her – in unvergeßlichen Bildern gezeigt wird.

Das hier gemeinte „Menschliche“ ist allerdings nicht das als selbstverständlich Hingenommene, wie es unsere Gegenwart sieht. Es ist vielmehr unter den sittlichen und den religiösen Aspekt der bewußten Verantwortlichkeit vor einer höheren Instanz gestellt und darum nicht unbedingt „frei“, sondern durch Verpflichtungen gebunden, an denen es das Gewicht seines Handelns zu messen hat. Und nicht nur persönliche Versuchungen des Herrschaftsgelüstes sind es, die mit der Verpflichtung in Konflikt kommen, sondern auch die notwendige Handhabung der rechtmäßigen Herrschaft selbst überrennt die Grenzen der Rechtlichkeit und stürzt den Träger der Macht in unauflösliche Verstrickungen. Wenn nun aber schon diese „Verpflichtetheit“ des Menschen als eine untergeschobene Tendenz empfunden werden sollte, so wäre es immerhin keine andere, als die – in dieser oder jener Vorstellungsform – zu allen Zeiten von denkenden und gestaltenden Einzelmenschen allen andersgearteten Zeittendenzen zum Trotz vertreten worden ist.

So ungewohnt modernen Theaterbesuchern die Teilnahme an so erdrückender Gedankenlast sein mag, so ungewohnt auch die Bewältigung einer derartigen Aufgabe modernen Schauspielern. Was die Künstler des Essener Ensembles – an der Spitze der Spielleiter Kenter und die beiden Hauptdarsteller Claus Clausen (Papst) und Heinz-Walter Weiß, alle anderen unaufzählbaren aber nicht minder – hier an williger und gemeisterter Einfühlung in die Sphäre reiner. Geistigkeit aufbrachten, war wirklich erstaunlich und entschied den Erfolg – einen Theatererfolg. Alle, Darsteller und Publikum, fühlten, daß sie hier im Banne eines wahren Dichters standen. Eines Dichters, der diesen Namen verdient im besonderen Sinne seiner eigenen Forderung: „Das Wort des Autors wird heute nicht mehr als ein literarisches Wort, sondern als ein Bekenntnis gesucht und aufgenommen. Nur das Wort, das gelebt und vertreten wird, gilt.“ Gewiß, auch darum geht in unserer Zeit ein Streit: ob der Dichter Mahner, Lehrer, gar „Prophet“ sein soll, oder ob er lediglich die Wirklichkeit im Spiegelbild der Kunst zu zeigen hat. Aber diese Frage kann gegenstandslos werden, wenn sie mit der anderen Frage konfrontiert wird: „Was ist Wirklichkeit?“ Es gibt wohl doch einen Standpunkt, von dem aus gesehen den Wirrsalen der menschlichen Seele wie ihren Gewissenskräften und den Geboten, die ihr nicht nur aufgezwungen sind, sondern die sie sich – mindestens insgeheim – selbst gibt, eine äußerst wirksame Wirklichkeit nicht abgeleugnet, werden kann. Von dieser Wirklichkeit hat Reinhold Schneider immer wieder Zeugnis gegeben. Sie ist es wiederum, die diesem Werke – das gleichsam den Extrakt von Schneiders Dichten, Denken und Gestalten enthält, seine Eindrucksgewalt verleiht.

Walter Abendroth