Adenauers Staatssekretär Hans Globke und die politischen Scharfschützen in Bonn

Lassen Sie mal, der liebe Herr Globke.. sagt Adenauer, wenn gegen seinen Staatssekretär etwas vorgebracht wird. Aber nicht alle finden den Herrn Globke so lieb wie der Bundeskanzler. Wer einen höheren Posten in Bonn angestrebt und nicht bekommen hat, ist meist geneigt, den Grund im hintergründigen Wirken Globkes zu suchen, obgleich es auf der Hand liegt, daß jederzeit mehr Posten gewünscht als verfügbar sind, und nicht jeder Bewerber so geeignet ist, wie er selber glaubt. Aber da in der Personalpolitik stets echte Interessen gefördert oder verletzt werden, ist der Staatssekretär im Amt des Bundeskanzlers eine der meistdiskutierten Personen Bonns, und man hört nicht immer schmeichelhafte Attribute. Das geht vom „lieben Herrn Globke“ bis zur „grauen Eminenz“, vom „Mann im Dunkel“ bis zur „Spinne im Netz“. Und es gibt nicht wenige, die ihn für den mächtigsten Mann der Bundesrepublik halten.

Die Macht der Position

Worin besteht seine Macht? Die Aufgabe des Staatssekretärs im Bundeskanzleramt ist die Vorbereitung der Kabinettssitzungen und der dazu gehörige Kontakt zu den Fraktionen. In dieser vorbereitenden Tätigkeit steckt natürlich sehr viel. De facto unterliegen dieser Vorbereitung die ganze Gesetzgebung und der Teil der Verwaltungstätigkeit des Bundes, der Entscheidungen des Bundeskanzlers oder des Kabinetts verlangt. Die Ministerien schicken ihre Kabinettsvorlagen an den Staatssekretär Globke. Der trägt sie dem Bundeskanzler vor, was unvermeidlich zur Folge hat, daß seine im Vortrag zum Ausdruck kommende Meinung ein Element der Entscheidung des Kanzlers wird, der nach dem Grundgesetz „die Richtlinien der Politik bestimmt“. Gegebenenfalls schickt Globke dann im Auftrag des Bundeskanzlers die Vorlage wieder an die Ministerien zurück, zur Änderung oder zur Ergänzung. So werden alle Entscheidungen von Kabinettsrang von ihm vorbearbeitet. In dieser zentralen Position liegt, wenn nicht Macht, so doch auf jeden Fall ein großer Einfluß. Dieser erstreckt sich auch auf die Personalfragen, sofern sie vom Kabinett entschieden werden, das heißt auf alle wichtigen Besetzungen. Es versteht sich, daß Kabinettsvorlagen nicht im Schaufenster behandelt werden können; daher ist der Staatssekretär, dem ihre Bearbeitung obliegt, der Natur der Sache nach ein „Mann im Dunkel“. Man sollte ihm das also nicht vorwerfen.

In früheren Zeiten, zum Beispiel in der Weimarer Republik, hat sich dergleichen auch niemand einfallen lassen. Daß es jetzt geschieht, liegt wahrscheinlich daran, daß die Macht des nach dem Grundgesetz nahezu unstürzbaren Bundeskanzlers viel größer ist als die des damaligen Reichskanzlers, der durch ein bloßes Mißtrauensvotum zum Rücktritt gezwungen werden konnte. Mit der Macht des Bundeskanzlers ist aber auch die seines Amtes und somit die seines Staatssekretärs gestiegen. Andererseits ist allerdings der Bereich dieser Macht kleiner geworden, denn sehr viele Kompetenzen des Reiches sind nach dem Krieg nicht auf den Bund, sondern auf die Länder übergegangen. Das heißt: Der Kanzler – und sein Staatssekretär – sind mächtiger als vor 1933, der Bund aber ist längst nicht so mächtig wie das Reich. Der Machtraum, in dem Globke wirkt, ist enger geworden. Es scheint, daß um so härter in diesem Raum sich die Sachen stoßen.

Deshalb wurde lange Zeit hindurch auf Globke „geschossen“. Warum man auf Politiker, Beamte und sonstige Funktionäre „schießt“, ist nicht immer leicht zu erkennen. Jedenfalls geschieht es selten aus den Gründen, die vorgebracht werden. Sie sind nicht das Ziel, sondern nur die Munition. Besonders was die hohen Beamten betrifft, war diese Kunst im Dritten Reich als ein Mittel der politischen Auseinandersetzung sehr entwickelt: man schoß einem Minister seine besten Beamten ab, um ihm ihre Arbeitskraft zu entziehen und um zugleich mit den abgeschossenen Beamten den Minister selbst zu kompromittieren. Nach 1945 wurde das nicht besser, sondern schlechter. Ein allgemeiner Brot- und Konkurrenzneid trat hinzu. Bei jeder großen Säuberung wirken solche Motive mit. Jede Elite will möglichst klein bleiben –, wodurch sie schließlich so eng wird, daß sie das Spiel verliert. In diesem Bestreben schießen zuerst die Arrivierten auf die Nichtarrivierten und dann die Arrivierten auf andere Arrivierte. Das ist der Lauf der modernen Welt.

Rebus sie stantibus darf man sagen, daß die Angriffe auf Globke von dem peinlichen Aroma von 1945 umwittert waren. Es ging natürlich in erster Linie um die Vergangenheit. Der Aachener Dr. Hans Globke war 1929 ins preußische Innenministerium Severings gekommen und dort nach der Vereinigung mit dem Reichsinnenministerium bis Kriegsende geblieben. 1945 gab es Leute, die das allein schon übelnahmen, und deshalb verbrachte Globke den Sommer und den Herbst 1945 denn auch im Ministerial Collecting Center in Hessisch-Lichtenau. Dann war er drei Jahre Stadtkämmerer in seiner Heimatstadt und ein paar Wochen Vizepräsident des Landesrechnungshofs von Nordrhein-Westfalen. Von dort holte ihn Adenauer im September 1949 in sein neugegründetes Bundeskanzleramt, wo es zunächst weder eine Schreibmaschine noch einen Aktendeckel gab.