L., Dresden

In Dresden hat seit über 700 Jahren der Kreuzchor Weltruf, der zum größten Teil von der Kirche und aus eigenen Veranstaltungen erhalten wird. Die meisten Chormitglieder sind Söhne von Pfarrern, Lehrern, Ärzten, Rechtsanwälten und früheren Beamten, also Kinder der sogenannten bürgerlichen Kreise; nur ein Zehntel der „Kruzianer“ stammen aus Arbeiterfamilien.

Große Schwierigkeiten begannen für den Chor im Mai 1952, als ein Internatsleiter aus den Reihen der SED eingesetzt wurde, der für den politischen Unterricht der Jungen zu sorgen hat. Er nahm staatliche Anleihen auf, mit deren Hilfe er die Aufenthaltsräume neu herrichtete. Dadurch versuchte er, den Chor an den Staat zu ketten, um ihn bei weltlichen, das heißt politischen Anlässen auftreten lassen zu können.

Ein halbes Dutzend Kruzianer floh seither nach dem Westen. Nach 1945 hat der Chor mehrere Auslandsreisen unternommen. Vor allem in die Volksdemokratien wurde er befohlen. Im vergangenen Jahr war der Chor in Prag. Nach seiner Rückkehr wurde er „zur Betreuung der sich in den FDGB-Erholungsheimen aufhaltenden SED-Funktionäre“ ausgesandt.

Doch nach wie vor veranstalten die Kruzianer an jedem Freitag ihre Kreuzchorvesper, obwohl der Fanatismus der FDJ – Funktionäre keine Hochachtung vor Traditionen und vor einer Arbeit kennt, die mit höchster Disziplin die Werke von Bach und Schütz in der Kirche, möglichst nicht aber zum Amüsement der SED auf Parteiveranstaltungen, singen will.