Lob eines Amerikaners auf Baedekers Reiseführer

Als Hermann Göring im zweiten Weltkrieg von Hitler den Auftrag erhielt, Englands „Städte auszuradieren“, brauchte er vor allem eine genaue Liste der Ziele. Er hatte nicht lange zu suchen. In seinem Bücherschrank stand ein Auskunftsmittel, auf das er sich mehr verlassen konnte als selbst auf die Berichte seiner hoch bezahlten Agenten. Er nahm sein rotgebundenes Exemplar von Baedekers „London und Umgebung“ herunter, las es aufmerksam durch und befahl dann seiner Luftwaffe, „jedes historische Gebäude und jedes Wahrzeichen in England zu vernichten, das im Baedeker einen Stern trägt“. Damit begann die erste Welle der verheerenden Bombenangriffe, denen die Engländer die Bezeichnung „Baedeker-Angriffe“ gegeben haben.

Daß Göring eine ganze Sammlung von Baedekern besaß, war weiter nicht verwunderlich. Bis zum Ausbruch des Krieges hatten mehr als zwei Millionen Menschen in allen zivilisierten Ländern der Welt die 87 verschiedenen Ausgaben dieses berühmten Reisebuches aus Leipzig gekauft. Die meisten Leser benutzten ihren Baedeker allerdings zu positiveren Zwecken. Sie waren einfach Touristen, die das Handbuch als ihre Reisebibel betrachteten. Sie verließen sich blindlings auf sein bahnbrechendes System, Sehenswürdigkeiten durch Sternchen zu kennzeichnen (zwei Sterne: „das müssen Sie sehen“, den Louvre, den Kreml, die Niagarafälle; ein Stern: „sollte man sehen, wenn möglich“, die Jungfrau, die Yale-Universität, Straßenleben von Kairo). Zudem konnten sie damit rechnen, daß sie in wenigen Sätzen auch noch das Wichtigste über Geschichte und Kultur erfuhren („Chinesische Mauer, fertiggestellt etwa 200 v. Chr. als Schutz gegen die Überfälle der Hunnen. Hauptsächlich aus Ziegelsteinen erbaut...“).

„Die Gegend stimmt ja gar nicht!“

Vor allem aber schwört jeder Reisende auf Baedekers Zuverlässigkeit. Dieses Vertrauen wurde vor einigen Jahren in einer Karikatur glossiert, auf der eine Familie bei der Betrachtung eines Schlosses und eines Wasserfalles zu sehen war. Der Baedeker, den Vater in der Hand hält, stellt die Lage aber genau umgekehrt dar, erst den Wasserfall und dann das Schloß. Und Vater schimpft: „Was soll denn das heißen? Die Gegend stimmt ja gar nicht!“

In den 125 Jahren seines Bestehens hat der Baedeker solches Ansehen erworben, daß die „Sehenswürdigkeiten“ ihrerseits Baedekers Angaben nicht weniger ernst nehmen als der, der sie besichtigt. Kaiser Wilhelm I. hielt einmal mit seinen Ministern im Berliner Schloß eine wichtige Konferenz ab. Als es zwölf schlug und das Musikkorps des Wachregiments draußen zum Mittagskonzert aufzog, erhob sich der Kaiser. „Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, meine Herren“, sagte er, „ich muß mich jetzt am Fenster zeigen. So steht’s im Baedeker.“

Eine solche Unfehlbarkeit machte den Baedeker mit seinen dreißig Bänden in englischer und 57 Bänden in französischer und deutscher Sprache bald zu einem international anerkannten Synonym für Reiseführer überhaupt. Doch all seiner Popularität zum Trotz schien es eine Zeitlang, als würde der Baedeker das Ende des zweiten Weltkrieges nicht überleben. Die Engländer hatten 1943 – vielleicht als Vergeltung für Görings „Baedeker-Angriffe“ – tonnenweise Bomben auf Baedekers Druckerei in Leipzig geworfen und damit alle in mehr als einem Jahrhundert mit liebevoller Sorgfalt zusammengetragenen Unterlagen, Pläne und Druckplatten in Asche und Schrott verwandelt.