Funk für Anspruchsvolle

Wir hörten:

Von den Literaturpreisen, die in Deutschland nach dem Kriege gestiftet oder erneuert wurden, hat keiner das Ansehen gewinnen können, das in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen der Kleist-Preis hatte. "Kleist-Preisträger" zu sein, war eine echte Auszeichnung. Und sie wurde, obwohl die Statuten keine Begrenzung vorschrieben, zumeist an Dramatiker verliehen; denn dem Drama widmeten sich damals die stärksten Begabungen unter den Jüngeren (von Brecht und Hans Henny Jahnn über Zuckmayer zu Oedoen von Horvath). Heute wartet die Bühne vergeblich auf den jungen deutschen Autor solchen Ranges. Aber heißt das, daß die dramatische Kunst bei uns im Absterben ist? Wer so urteilt, übersieht die Bedeutung des Funks für die Entwicklung der Künste. Es ist gewiß kein Zufall, daß heute die angesehenste Auszeichnung für deutsche Autoren der "Hörspielpreis der Kriegsblinden" ist – nicht nur, weil ihn eine politisch unabhängige Jury aus Hörern (eben den Kriegsblinden) und Funkkritikern verleiht, sondern auch, weil die Preisgekrönten (man denke nur an Günter Eich) sich wirklich als kräftige und zukunftsreiche dramatische Begabungen bewährt haben. Am 22. Februar wird die Jury den Hörspielpreis für 1953 vergeben. Schon darum hörte man mit besonderer Aufmerksamkeit die jüngste Arbeit eines Autors, dessen Name schon zweimal gleich nach dem des Preisträgers von der Jury genannt wurde: der Süddeutsche Rundfunk und der NWDR Hamburg produzierten gemeinsam Heinz Oskar Wuttigs Hörspiel "Der Mann aus den Wäldern". Eine dramatische Ballade, für den Funk erdacht und nur im Funk darzustellen: die grausiggroßartige Anekdote von einem heimatvertriebenen schlesischen Jagdhüter, der, als Nachtwächter im Schlachthof einer westdeutschen Industriestadt beschäftigt, eines Abends durch allen Lärm des Güterbahnhofs und der eingepferchten Tiere hindurch aus dem vierten Stock eines Mietshauses die’Töne des Hornrufs vernimmt, mit dem man in seinen heimatlichen Wäldern das Ende der Jagd zu bezeichnen pflegte – und der nun in dumpfem Impuls die Tore der Schlachthäuser öffnet, so daß die Rinder und die Schweine ausbrechen auf die Straßen der abendlichen Stadt... Eine Episode nur; der Verkehr ist für ein paar Stunden gestört, die Stadt hat einen Schaden von 126 000 Mark, der Jagdhüter stirbt an seinen Verletzungen, der gemütliche Postbeamte im vierten Stock kann getrost weiter am offenen Fenster die Hornstimme für das Bläserquartett "Waldzauber" üben. Das Leben geht weiter. Wie unbedeutend ist für die Menschen der Großstadt die Tragödie des "Mannes aus den Wäldern"! Mit sicherem Takt hat Wuttig diese bittere Ironie nicht als "Moral der Geschichte" präsentiert, sondern läßt sie dadurch eindringlich werden, daß er den hornblasenden, netten kleinen Beamten als unschuldigen und erstaunten Erzähler einführt. Gleichfalls mit sicherem Takt löste Otto Kurth die ungewöhnlich komplizierten Aufgaben der funkischen Inszenierung, die eine Symphonie von Großstadtgeräuschen mit einem Cantus firmus von waldseliger Hornmusik als akustischen Rahmen um die knappen, dichten und oft wunderbar schlichten Dialoge spannte.

Wir werden sehen:

Montag, 22. Februar, 20.45 im NWDR:

Walter Braunfels, der Komponist der Oper "Die Vögel" nach Aristophanes, hat zu Goethes "Zauberlehrling" für den Fernsehfunk eine Musik geschrieben, die eine dramaturgische Darstellung mit Ballett verlangt. Die Uraufführung im Lokstedter Fernsehhaus dirigiert Hans Schmidt-Isserstedt, die Choreographie entwarf Helga Swedlund. Den Zauberlehrling tanzt die Pariser Ballerina Sonja Arova.

Wir werden hören:

Donnerstag, 18. Februar, 22.20 aus Frankfurt:

Funk für Anspruchsvolle

Etwa 50 Millionen Europäer sind während des neunzehnten Jahrhunderts nach USA ausgewandert, und erst um 1900 begann Amerika, sich als selbständige Kulturnation zu empfinden und eine eigene "amerikanische Literatur" zu pflegen, als deren Begründer Walt Whitman und Mark Twain gelten. Als Protest gegen diese Amerikanisierung Amerikas siedelte damals der große anglo-amerikanische Erzähler Henry James nach England über (ihm folgte wenige Jahre später der Amerikaner T. S. Eliot) und schrieb seine Romane, deren Hauptfiguren Amerikaner in Europa sind. Über seine Bedeutung für die Weltliteratur unseres Jahrhunderts spricht Fritz Arnold in der immer interessanten Sendereihe "Welt im Wort".

19.45 vom NWDR: Eine Funkbearbeitung von Eugene O’Neills Halbwüchsigenkomödie "O Wildnis !" – 20.00 aus München: Johs. M. Egermann gibt einen Hörbericht aus der heutigen Tschechoslowakei. – 21.30 aus Bremen: Monique Haas spielt die zwölf Klavieretüden von Claude Debussy. – 22.30 aus Stuttgart: Das literarische Porträt eines dritten großen Amerikaners: Ezra Pound. – 23.15 vom NWDR: Im musikalischen Nachtprogramm Werke von René Leibowitz. Anton Webern und André Jolivet.

Freitag, 19. Februar, 18.15 vom NWDR:

Der Riß, den die Geschehnisse von 1933 in das deutsche Kulturleben brachten, hat sich immer noch nicht an allen Stellen schließen können. Darum ist eine Sendereihe wie die des NWDR "Aus der Welt des Judentums" so dringend und fruchtbar. Heute wird die Erinnerung an den aus Berlin gebürtigen, von 1919 bis 1933 an der Hamburger Universität führenden Philosophen Ernst Cassirer wachgerufen, der vor 1933 der erste und auch einzige deutsche Hochschulrektor jüdischen Glaubens war und 1948 in Amerika starb, ohne seine Heimat wiedergesehen zu haben.

20.00 aus München: Hans Schmidt-Isserstedt spielt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Werke von Mozart, Petrassi, Rachmaninoff (Solist: Shura Cherkasky) und Dvořak. – 21.00 vom SWF: Das Amadeus-Quartett eröffnet eine Sendereihe, die Mozarts sämtliche Streichquartette bringt, mit dem frühesten Werk, Nr. 1 in G-Dur. – 21.15 aus Bremen: Hellmut Schnackenburg dirigiert Mozarts g-moll-Symphonie und Bruckners Siebente. – 22.10 vom NWDR: "Denken oder Nicht-Denken", ein Kölner Nachtprogramm mit Versuchen aus dem Leben der Tiere. – 23.35 vom NWDR: Die Ursendung des neuen Cellokonzerts vonBernd Alois Zimmermann.

Sonnabend, 20. Februar, 21.30 vom RIAS:

Auch dieses Jahr schalten sich die Funkhäuser mit voller Kraft in das Karnevalsgetriebe ein. Aus Berlin – dem Tagungsort der Außenministerkonferenz – kommt eine Satire dazu: "Ausgerechnet Karneval!", ein kabarettistisch glossierender "Beitrag für Vergnügungssüchtige" von Günter Neumann, zu dem ein so erfahrener Meister der ironischen Parodie wie Rudolf Nelson die Musiken schrieb.

Funk für Anspruchsvolle

16.00 vom SWF: "Unser Windjammer", ein Besuch des Aufnahmegerätsbei den letzten Fahrensleuten deutscher Großsegler. – 20.30 vom UKW Nord: Arthur Millers neues Drama "Hexenjagd", noch vor der deutschen Erstaufführung in Berlin als Hörspiel bearbeitet von Gisela Prügel. – 22.10 vom NWDR: Ricardo Odnoposoff spielt das Violinkonzert von Alexander Glasunow. – 22.40 aus Bremen: Wolfgang Schneiderhan und Friedrich Wührer musizieren die A-Dur-Sonate von Brahms.

Sonntag, 21. Februar, 20.00 aus Stuttgart:

"Zur Ehre Gottes" schrieb Igor Strawinskij auf das Widmungsblatt für das Bostoner Symphonie-Orchester, zu dessen 50. Geburtstag er im Auftrag des Dirigenten Serge Kussewitzky seine "Psalmensinfonie" geschrieben hatte. Das Werk für Männer- und Knabenchor mit einem Orchester, in dem Violinen, Bratschen und Klarinetten fehlen, trägt auch in seinen einzelnen Teilen liturgische Überschriften: das Präludium heißt "Gebet", die Doppelfuge "Dank" und das abschließende Allegro Symphonique "Lobeshymne".

11.00 aus Bremen: Edzard Schaper deutet Lesskows Roman "Die Klerisei". – 18.15 aus Bremen: Schallplatten und Bandaufnahmen des großen, früh verstorbenen Geigers Georg Kulenkampff. – 17.00 aus Stuttgart: Wiederholung von Max Gundermanns Hörspiel "Terminkalender", das für den "Hörspielkreis der Kriegsblinden" kandidiert. – 17.00 aus München: Eugen Jochum dirigiert Mozart (die frühe Symphonie in G. "Regina Coeli" und die Linzer Symphonie). – 20.00 Im SWF: Ernest Bour dirigiert Werke von Rameau, Bach, Mozart und Strawinskij.

Montag, 22. Februar, 21.40 aus Bremen:

Paul Hindemiths Schüler Oskar Sala ist Techniker und Künstler zugleich. Er hat das von Trautwein konstruierte elektrische Instrument Trautonium vervollkommnet und dafür Musik geschrieben, die alle Klangmöglichkeiten des komplizierten physikalischen Schaltsystems ausnutzt. Und er ist für die Uraufführungen seiner jüngsten Arbeiten selbst der beste Interpret.

16.30 vom SWF: Bachs Kantate "Jesus nahm zu sich die Zwölfe", die 1722 das Probestück für das Engagement als Thomas-Kantor war. – 20.00 aus Frankfurt: Josef Plaut hat Schönthans alten "Raub der Sabinerinnen" für den Funk bearbeitet und spricht selbst den Striese. – 21.00 vom SWF: Die achte und letzte Folge der Hörspielfassung von Thomas Manns "Königliche Hoheit". – 22.30 aus Stuttgart: "Ual-ual", eine Zeitsatire mit den Figuren der alten Commedia dell’Arte von dem Schweizer Kabarettautor C. F. Vaucher. – 23.00 aus Manchen: Gerhard Tachner spielt das Violinkonzert von Wolfgang Fortner.

Funk für Anspruchsvolle

Dienstag, 23. Februar, 20.30 vom Südwestfunk:

Der holländische Humorist H.B. Fortuin, unseren Lesern durch mehrere sehr komische Kurzgeschichten bekannt, hat ein lustiges Hörspiel erfunden, in dem ein erfolgloser Drehbuchautor sich mit Hilfe eines raffinierten Tricks in der Filmbranche durchsetzt: "Rendezvous mit dem Erfolg". Theo Lingen spricht die Hauptrolle in dieser Satire auf die Filmproduktion.

15.00 aus München: W. Daniel berichtet aus dem polnisch besetzten Ost-Brandenburg. – 19.30 vom RIAS: Margot Pinter spielt das Klavierkonzert des sowjetischen Komponisten Aram Chatschaturian. – 20.30 vom RIAS: Gerhard Hermann Mostar zeichnet das Porträt der durch ihre Naivität oft unfreiwillig komischen Schlesierin Friederike Kempner, die die Tante Alfred Kerrs war. – 21.00 aus Stuttgart: Der Göttinger Atomphysiker Karl Wirtz spricht über die Auswirkungen, die der erste deutsche Atommeiler haben wird. – 21.10 vom SWF: Bé1a Bartóks dreisätzige "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta".

Mittwoch, 24. Februar, 23.00 aus München:

"Angenommen, Sie hätten noch eine Viertelstunde zu leben, angenommen ferner, Sie wären bei klarem Verstand – welche Botschaft würden Sie dann Ihren Zeitgenossen hinterlassen?" Auf diese Umfrage einer französischen Schallplattenfirma haben Paul Claudel, Madame Colette, François Mauriac, der Physiker Louis de Broglie, der Romancier Georges Simenon und andere geantwortet. Im Nachtstudio teilt Friedrich Hansen-Löve die Antworten mit und kommentiert sie.

17.10 vom SWF: Tonbänder mit afrikanischen Negergesängen, die der Schweizer Afrikaforscher Hans Leuenberger aufnahm. – 20.00 aus Frankfurt: George Sebastian dirigiert im öffentlichen Sinfoniekonzert Werke von Strauß ("Don Juan"), Tschaikowsij (Violinkonzert mit Renato de Barbieri) und Brahms (1. Symphonie). – 20.30 aus Bremen: Wiederholung des Hörspiels "Drachenmaul" von J. B. Priestley. – 22.40 vom NWDR: In der Sendereihe "Das neue Klavierkonzert" spielt Branca Musulin das Klavierkonzert von Jean Françaix. – 23.00 aus Stuttgart: Von Hermann Reutter die große Chorfantasie und der "Gesang der Deutschen" mit dem Monolog aus Goethes "Iphigenie", den Martha Fuchs singt. Elisabeth Verden