Nicht anders aber ist es mit vielen Christen, die sich im Verkehr mit den jüdischen Mitbürgern bedrückt und vielleicht auch schuldig fühlen. Diese Empfindlichkeit auf beiden Seiten erschwert das Forträumen der psychologischen Barrieren auch dort, wo der beste Wille vorhanden ist.

„Kann ich die junge Jüdin sprechen, die gestern Nachmittag hier war?“, fragte ein ländlicher Besucher im Vorzimmer eines Ministerialbeamten. Im Nebenzimmer hörte die Sekretärin, der er am Vortage irgendein nebensächliches Anliegen vorgetragen hatte, seine Worte mit an. Sie wurde totenblaß, rannte aus dem Zimmer und verfiel in einen schweren Weinkrampf. Der Besucher merkte davon nichts. Er wäre höchst erstaunt, ja fassungslos gewesen, wenn er die Wirkung seiner Worte erfahren hätte. Sicherlich hatte er sich „nichts dabei gedacht“, und zweifellos war er alles andere als ein Antisemit.

Solche scheinbar belanglosen Vorfälle, verursacht durch Gedankenlosigkeit auf der einen und durch Überempfindlichkeit auf der anderen Seite, verbittern vielen jüdischen Staatsbürgern in Deutschland heute noch das Leben. Zumal es unter Hunderten solcher Äußerungen wohl auch die eine oder andere gibt, die nicht ganz so harmlos gemeint ist. Hat der aus Norddeutschland stammende Flüchtling oder Evakuierte Krach mit seinem Hauswirt und wird „Saupreuß“ tituliert, so nimmt er das im allgemeinen nicht sonderlich tragisch. Fällt in solchen persönlichen Streitereien einmal das Wort „Jude“, so ist es für den Betroffenen der unumstößliche Beweis eines offenen Antisemitismus. Ob zu Recht oder zu Unrecht – darüber gehen die Ansichten weit auseinander.

In- und ausländische Beobachter sind sich im allgemeinen darüber einig, daß das deutsche Volk in seiner großen Masse Hitlers Judenverfolgungen nicht gebilligt, ja sogar verabscheut hat. Auch hat die intensive zwölfjährige „Erziehung“ zum Judenhaß nicht vermocht, eine feindliche innere Einstellung gegenüber der jüdischen Bevölkerungsgruppe zu erzeugen. Aber wenn auch die Behauptungen des „Stürmer“, die Juden seien der Abschaum der Menschheit, nicht geglaubt wurden, so bewirkte die dauernde Betonung der Unterschiede zwischen „Ariern“ und „Juden“ doch eines, was auch heute noch häufig spürbar wird: die Unbefangenheit im Verkehr zwischen den Menschen der einen und der anderen Gruppe wurde beeinträchtigt.

Durch die heute so klein gewordene Zahl der jüdischen Mitbürger ist die Häufigkeit der Begegnungen und des Zusammenlebens weit geringer geworden. Dieser „Seltenheitswert“ der jüdischen Mitbürger erschwert das gegenseitige Kennenlernen und damit den Abbau von Nachwirkungen der NS-Propaganda. Noch ein anderes Moment belastet das gegenseitige Verhältnis: Viele Deutsche, auch wenn sie in keiner Weise an den Judenverfolgungen teilgenommen haben, empfinden das von den NS-Machthabern an den jüdischen Mitbürgern begangene Unrecht als eine Schmach für das ganze deutsche Volk und glauben – sicherlich oft zu Unrecht – in den Augen jedes jüdischen Mitbürgers die Anklage oder den Vorwurf zu lesen: Warum hast du das damals geduldet? Was hast du getan, um zu helfen?!

Wie hoch die Zahl der jüdischen Bürger in der Bundesrepublik heute ist, läßt sich einigermaßen genau nur bei den Angehörigen der mosaischen Religionsgemeinschaft sagen: es sind rund 33 000.

Im Jahre 1933 hatten knapp 540 000 „Glaubensjuden“ in Deutschland gelebt. Deportiert und ermordet wurden 135 000. Etwa 317 000 wanderten aus. Der „Sterbeüberschuß“, in die Höhe getrieben durch viele Selbstmorde, betrug 68 000. Am 1. September 1944, dem Tage der letzten amtlichen Zählung durch nationalsozialistische Behörden, wurden noch 14 574 Juden im Sinne der „Nürnberger Gesetze“ – also einschließlich der Getauften und Religionslosen – festgestellt. Diese Zahl allerdings stimmt nicht. Denn Tausende von jüdischen Mitbürgern wurden durch die Bevölkerung verborgen und gerettet. Am 8. Mai 1945 dürften in Deutschland noch rund 20 000 Glaubensjuden am Leben gewesen sein. Auch von ihnen ist seither noch ein Teil ausgewandert. Dafür kehrten Emigranten zurück, und es kamen aus Osteuropa, vor allem aus Polen, staatenlos gewordene Juden (viele DPs). Wenn der „Zentralrat der Juden in Deutschland“, der Spitzenverband der jüdischen Kultusgemeinden, die gegenwärtige Zahl der „gläubigen Juden“ in der Bundesrepublik mit etwa 33 000 angibt, so darf man rechnen, daß mindestens ein Viertel zugewanderte Staatenlose sind.