Fühlen sich die deutschen Juden wieder zu Hause?

Von Georg Berkenhoff

Fühlen sich die heute in Deutschland lebenden Juden wieder „daheim“? Können sie die „zwölf Jahre“ vergessen? – „Es trifft nicht zu“, so beurteilt der Hamburger Soziologe und Universitätsprofessor Dr. S. Landshut die Situation, „daß sich über die psychologische Haltung der Juden eine allgemeine Feststellung treffen läßt. Es hängt alles von der persönlichen Haltung des einzelnen ab, wie er sich in seinen Kreis einfügt. Ich selbst bin Jude. Ich stehe in einem guten Verhältnis sowohl zu meinen Kollegen als auch zu den Studenten. Das Verhältnis der Jugend zu mir ist völlig frei von jeder Vorbelastung.“

Ähnliche Wahrnehmungen machte ein anderer Hochschullehrer. Unter seinen Studenten ist ein jüdisches Ehepaar; der Mann ist ein Einzelgänger, ohne jeden Kontakt mit den Kommilitonen; seine Frau dagegen ist allgemein beliebt und in den Kreisen der nichtjüdischen Studenten völlig heimisch und zugehörig. „Nicht das Judentum ist bei den einzelnen maßgebend“, schließt der Professor, „sondern maßgebend sind die individuellen menschlichen Eigenschaften.“

Ein jüdischer Beamter in Berlin, aktiv tätig in der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ und in der „Arbeitsgemeinschaft der Kirchen- und Religionsgesellschaften“, sagt: „Im allgemeinen kann man sagen, daß gerade in Berlin Schwierigkeiten nur in wenigen Fällen zu beobachten waren, wie Berlin ja auch in bezug auf den Antisemitismus eine Insel bildete...“ Die jüdische Kultusgemeinde Berlins ergänzt: „Zu einem großen Teil ist die Haltung der in Deutschland lebenden Juden immer noch zurückhaltend oder mißtrauisch.“

„Ich hege keinen Groll“

Ein Gewerbetreibender in Hannover meinte, daß sich die durch zwölf Jahre erlittene Verfolgung indirekt auch heute noch auswirke, im gesellschaftlichen und im materiellen: „Von rund 20 jüdischen Verwandten, die ich hier in Hannover hatte, ist außer meiner alten Mutter keiner mehr übriggeblieben. Einige sind in den Konzentrationslagern umgekommen; andere sind rechtzeitig ausgewandert, schlagen sich aber, da sie wegen fortgeschrittenen Alters im Ausland keinen guten Start hatten, recht und schlecht durchs Leben... Als ich nach dem Kriege mein Geschäft in Hannover aufmachte, stand ich allein da ... Niemand kannte mich...“