Ein amerikanischer Beobachter („Look“, September 1952) schrieb über die Juden in Deutschland: „Alle haben eines gemeinsam: sie können die Erinnerung an die zwölf Jahre der Hitlerzeit nicht aus ihrem Gedächtnis löschen. Viele sahen ihre ganze Familie vor ihren Augen umkommen. Erinnerungen und Geister wohnen in jeder Ruine einer zerstörten Synagoge, sie spiegeln sich im Gesichtsausdruck jedes Deutschen, der das Wort Jude ausspricht...“

„Es ist möglich, daß ich mir das alles einbilde“, sagte ein jüdischer Kaufmann in München; „wenn ich im Bus angestoßen werde, frage ich mich, ob dies nicht mit Absicht geschah. Und dann denke ich: Vielleicht hatte dieser auch seine Hand im Spiel, als meine Mutter und mein Vater umgebracht wurden. Dann muß ich den Omnibus schnell verlassen...“

Ein jüdischer Richter, Präsident eines Gerichtshofes, betont, er begrüße es, daß die ZEIT eine Schilderung der Lage der jüdischen Mitbürger veröffentlichen wolle. „Ich hätte an sich allen Grund, Ihnen mit Material zu dienen. Wenn ich dies aber nicht tue und die gestellten Fragen lieber unbeantwortet lasse, so erfolgt dies einmal, weil ich... hier zu jüdischen Kreisen gar keine Beziehungen habe... Weiterhin möchte ich aber die gerade vernarbten Wunden nicht wieder aufbrechen lassen. Ich hoffe, daß Sie mich nicht falsch verstehen ...“

„Leider ist es Tatsache“, klagt ein Vertreter der Gemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen’, „daß diejenigen Rassenverfolgten nichtjüdischen Glaubens, die sich in gehobenen Positionen befinden, ängstlich bemüht sind, ihre Abstammung zu verbergen und es stets abgelehnt haben, in unserer Organisation mitzuarbeiten.“

Unsicher – unbefriedigt

Die niedersächsische Landesgruppe äußert: „Die Haltung des von uns betreuten Personenkreises in bezug auf ihre Eingliederung ist skeptisch.“ Ein Kreisverband –: „Die psychologische Haltung der aus Gründen der Rasse Verfolgten nichtjüdischen Glaubens wird am besten gekennzeichnet durch das Wort Resignation. Man ist zu sehr an Ungerechtigkeit, mangelnde und verzögerte Wiedergutmachung gewöhnt, um noch ernstlich aufzubegehren.“

„Fortwirkende seelisch-somatische Beeinträchtigung bei fast allen Verfolgten der NS-Zeit, besonders auch solchen jüdischer Abkunft“, stellt Landgerichtsdirektor Dr. Robert Michaelis, Mainz, fest; „das führt bei manchen Personen jüdischer Abstammung zu einem Andauern des Gefühls der Unbefriedigtheit oder teilweise sogar vager Unsicherheit ...“