Agrarland und dennoch krisenhaft – Inder und Singalesen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Colombo (Ceylon), im Februar

Die Politiker haben die round table conference erfunden, damit niemand den Anspruch erheben möge, am oberen Ende des Tisches zu sitzen. Ob die Welt aus dem gleichen Grunde rund erschaffen wurde? Dennoch hat es zu allen Zeiten Nationen und Regionen gegeben, die im Vordergrund standen.

Lange Zeit stand Europa im Vordergrund, betrachtete nur sich, hörte nur sich selbst reden. Ein Beispiel: erst kurz vor 1900 hielt England es für nötig, seine bis dahin unbedeutende Gesandtschaft in Washington zu einer Botschaft zu erweitern. Ein anderes Beispiel: Ostasien war für die Europäer nur vom Gesichtspunkt kolonialer Ausbeutung interessant, und die Asiaten wiederum schauten fasziniert nach Europa: nach England, Frankreich, Holland, denn dort entschied sich ihr Schicksal. Heute ist das anders.

Wenn man heute in Asien reist, nimmt man wahr, daß sich hier niemand für Europa interessiert. Gewiß, die Asiaten wollen Handel mit Europa treiben, wollen Ingenieure und Experten aller Art ausborgen, um mit ihrer Hilfe möglichst rasch unabhängig zu werden. Aber als politischer oder geistiger Faktor existiert Europa hier nicht. Es ist beispielsweise vollkommen unmöglich, durch indische Zeitungen – ich meine die englischsprachigen, nicht die lokalen Blätter in Hindi, Tamil, Urdu oder in Malaiisch – auch nur einigermaßen auf dem laufenden zu bleiben über das, was in Europa geschieht. Sogar über die Berliner Konferenz kann man täglich nur ein kurzes Resümee lesen, aus dem nicht viel zu entnehmen ist. Dafür gibt es spaltenlange Ausführungen über den USA-Pakistan-Vertrag, über Korea, den Mittleren Osten, Marokko, Kenya und Auszüge aus jeder neuen Rede Nehrus.

Am ehesten noch ist in den indischen Zeitungen etwas über England zu finden, nichts eigentlich Politisches, aber etwas Persönliches. Als der einzige Sohn von Lord Wavel in Kenya bei einem Mau-Mau-Unternehmen fiel, wurde seines Vaters in verschiedenen Zeitungen gedacht. Und man weiß wirklich nicht, wer bewundernswerter ist: die Engländer, die sich ein solches Renommee geschaffen haben, daß man ihrer heute in Indien schon wieder mit Achtung gedenkt, oder die Inder, die es in ihrer Toleranz fertigbringen, sämtliche englischen Straßennamen und Denkmäler bestehen zu lassen. Als ich in Bombay in dem berühmten Wellington Club (lange Zeit stand in seinen Statuten „for europeans only“) mit einem Inder zu Abend aß und eine Bemerkung über die seltsame lila Westenfarbe der Kellner machte, sagte er erklärend: „Das war die Lieblingsfarbe von Lady Wellington.“