Der Ministerpräsident

Übrigens beruht das mangelnde Verständnis, das zwischen Europa und dem Fernen Osten herrscht, auf Gegenseitigkeit. Auch wir Europäer machen uns nicht die Mühe, jene Fragen zu studieren, die in Ostasien interessieren. So spielen hier Persönlichkeiten eine Rolle, von denen man bei uns nicht spricht. Da ist beispielsweise Sir John Kotelawala, Ministerpräsident von Ceylon. Er hat gerade eben ein wichtiges Abkommen mit Indien über die auf Ceylon lebenden Inder abgeschlossen, das, wie man hofft, einen uralten Streit beilegen wird. Die Ceylonesen – oder Singalesen, wie sie wirklich heißen – halten nämlich nicht viel vom Arbeiten, und darum sind von den acht Millionen Einwohnern Ceylons eine Million Inder, die zum Teil schon seit Generationen dort sind und die all die Arbeiten verrichten, die den Einheimischen zu mühevoll sind – beispielsweise auf den Tee- und Gummiplantagen.

Vom politischen Standpunkt weit wichtiger aber ist Sir Johns Vorschlag, im Frühjahr eine allgemeine Konferenz aller nicht zum Ostblock gehörigen asiatischen Staaten in Colombo zu veranstalten. Der Premier von Ceylon hat gewisse Ambitionen; er möchte im Streit Indien–Pakistan vermitteln und will aktiv werden in der von Nehru aufgezeigten Richtung eines neutralen Blocks. Wobei man sich in Ceylon allerdings sehr viel entschlossener antikommunistisch beträgt als in Indien. Als Peking kürzlich unter Hinweis auf den umfangreichen Handelsvertrag mit Colombo eine goodwill mission nach Ceylon senden wollte, hat Kotelawala dies rundweg abgelehnt mit dem Hinweis, Ceylon lege keinen Wert auf politische Beziehungen mit China, sei vielmehr entschlossen, es bei ausschließlich wirtschaftlichen zu belassen. Ein Kritiker meinte allerdings, dieser kompromißlose Idealismus fände seine Grenze dort, wo das Geschäft beginne, denn warum sei sonst eine good will mission aus Polen und der Tschechoslowakei empfangen worden? Doch nur, weil diese Länder für den Ankauf von Blei interessiert seien und die Bleigruben dem Ministerpräsidenten gehören.

Antikommunisten

Es gibt heute in Indien und Südostasien eine Gruppe, die zu der Bewegung For cultural freedom gehört, die ihren ersten großen Kongreß vor zwei Jahren in Berlin abhielt, und die sehr aktiv ist. In Ceylon hat sie offenbar mehr Wirkungsmöglichkeiten als anderwärts, weil sich in Ceylon die Regierung für ihre Tätigkeit interessiert. Jene Gruppe analysiert ständig die Methoden des Kommunismus und ist entschlossen, aktiv gegen ihn vorzugehen. Sie führt dabei drei Argumente an: "Erstens wollen wir frei sein, darum wollen wir die Demokratie! Zweitens wollen wir unsere eben erkämpfte Freiheit nicht an neue fremde Ausbeuter verlieren, darum Kampf den Kommunisten, die ihre Befehle aus Moskau erhalten! Drittens wollen wir das Werk Gandhis nicht gefährden: Gandhi war gegen Gewalt und gegen Fremdherrschaft; beides aber verkörpert das kommunistische System!"

Ceylon wird eigentlich nur von vier Familien regiert, zu denen der jetzige Premierminister Kotelawala gehört. Die Demokratie in Ceylon erweckt überhaupt mehr. den Eindruck einer Oligarchie. Die politischen Parteien stellen mehr die Gefolgschaft einzelner großer, meist zugleich mächtiger Persönlichkeiten dar. Auch der Führer der Opposition, Bandaranake, ein sympathischer, kluger und belesener Mann, stammt aus einer der großen Familien des Landes. Offenbar stecken in der Opposition sehr viele fähige Köpfe – mehr als in der Regierung, so sagen manche. Und wirklich liest man in den Zeitungen beständig von Irrtümern, die der Regierung unterlaufen. So hat sich herausgestellt, daß die Regierung in den langfristigen Handelsverträgen mit China und Burma den Ankauf viel zu großer Mengen Reis getätigt hat. Folglich muß in diesem Jahr ein Teil der vorjährigen Einkäufe zu geringeren Preises wieder verkauft werden.

Bitterer Reis