Gibt es eigentlich ausgesprochene „Frauenromane“? – Zur Klärung eines Begriffes ist es oft gut, den gegenteiligen zu bilden. Der hieße hier: „Männerromane.“ Und schon fängt die Sache an, ein bißchen komisch zu werden...

Immerhin: es gibt ohne Zweifel Romane, deren Thema von vornherein mehr die Männer – oder mehr die Frauen interessiert. Herman Wouks großartiges Kriegsbuch „Die Caine war ihr Schicksal“, in dem es um die Persönlichkeit des Mannes in Zivil und Uniform ging, wird Frauen nur am Rande interessiert haben. Es gibt auch Gegenbeweise – Romane, die den männlichen Leser am Rande angehen, von Frauen dagegen „verschlungen“ werden. Gehören die hier angezeigten zu dieser Kategorie? Oder haben sich die Autoren die Sache vielleicht doch etwas zu leicht gemacht? ... Denn immer noch spekulieren, die Routiniers in erster Linie auf die „Wunschträume“ der Frauen. Die Zutaten sind: Realistischer Stil, Jahrmarktspsychologie, ein bißchen mondän verbrämte Pornographie. Sie verkleiden oft „traute alte Märchen...“

Wie so ein modernes Märchen aussieht, demonstriert:

Howard Spring: „Rachel Rösing“ (Roman; Alfred Scherz-Verlag, Bern).

Rachel hat . eine dunkle Vergangenheit, lebt im Elend und erobert durch Schönheit und eiskalte Berechnung einen reichen Mann, der geschäftlich skrupellos, privat übermenschlich edel ist. Damit Rachel Gelegenheit zu rascher Verlobung findet, läßt der Autor den Millionär das Bein brechen. Gleich am Hochzeitstag bricht dann das eben geheilte Bein ein zweites Mal, offensichtlich, um der frivolen Rachel den Ehebruch zu erleichtern. Ungern zwar, aber doch voller Güte beobachtet der Ehemann im Rollstuhl, wie Rachels Liebhaber, ein junger Schriftsteller, das schauspielerische Talent seiner Frau entdeckt. Doch der erwartete Bühnentriumph – und damit der Triumph des Bösen – wird vom Schicksal auf der 289. und letzten Buchseite auf ungewöhnliche Weise vereitelt: Eine Katze springt in ihr Gesicht und zerkratzt gründlich und für immer ihre Schönheit. – Mit wenigen, knappen Mitteln versteht der wirklich große Realist, Wirklichkeit zu gestalten. Ein Beispiel dafür ist der neuerschienene Roman von

Somerset Maugham: „Der bunte Schleier“ (Alfred Scherz-Verlag, Bern).

Mit kunstvoller Leichtigkeit, fast reißerisch in seiner Spannung, erzählt der Roman, wie eine junge, oberflächliche Frau, die ihren Mann betrog, mit dem wachsenden Bewußtsein ihrer Schuld einen höheren, anspruchsvolleren Wertmaßstab in sich entwickelt. Die äußere Welt der Geschichte – das von kleinlichen Ambitionen und Beamten-Strebertum bewegte Milieu einer britischen Kolonie in China und die gelassene Stille eines Nonnenklosters im Choleragebiet umkleiden den Kern der Erzählung: Verlangen nach dem Absoluten, nach einer kompromißlosen Wahrheit innerhalb menschlicher Beziehung scheitert an der vulgären Moral einer nur im Kompromiß lebenden Gesellschaft.