y. r., Frankfurt

Im „avantgardistischen“ Frankfurter Hochbauamt hat man sich jetzt entschlossen, etwas mehr für die „Pietät“ der Stadt und besonders auch für die Goethes zu tun. Um gleich bei diesen zu bleiben: man hat es nämlich lange Zeit geduldet, daß die vielbeschäftigten Bauarbeiter sogar das Grab der Mutter Goethes auf dem altehrwürdigen Peterskirchhof als Parkplatz für ihre Fahr- und Motorräder benutzten. Um das Grab wurde mancher Unrat abgeladen.

Freilich – die Parteien im Stadtparlament haben von Zeit zu Zeit laut den Wiederaufbau der Grabanlage gefordert. Getan aber wurde nichts. Nun, wer lange in Frankfurt lebt, weiß, daß man hier den großen Sohn der Stadt überhaupt mehr als Aushängeschild benutzt, als daß man die Maximen seines Lebens aus seinem Werke zieht. Man hält mehr von dem Lokalpoeten Friedrich Stoltze, der dem heimischen Stolz mit einem „Es will merr net in mein Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei“ einen üppigen Auftrieb gegeben hat.

Wer heute den inneren Teil des Peterskirchhofs in der Nähe der Zeil betritt, findet einen unwirtlichen Ort, dessen ästhetisches Bild zudem noch von der (um 1880) in starrster und vordergründigsten Neugotik errichteten und nun ausgebrannten Peterskirche belastet wird. Zerfallene Gräber, wucherndes Gebüsch, Abfallhaufen, in der wärmeren Jahreszeit abends Tummelplatz dunkler Elemente. Noch am Tage ist es ein wenig unheimlich hier. Und doch ist das ganze ein Museum für Grabsteingeschichte vom 15. bis 19. Jahrhundert. Hier sind die Gräber Merians, S. M. Bethmanns, Passavants, die Gräber der Eltern Goethes. Gründe des städtischen Renommees also haben das Interesse an der Neuanlage geweckt. Aber es ist nicht so groß, daß man das Grab der Frau Rat. das sich heute in dem um 1911 für die Liebfrauenschule abgetrennten Schulhof befindet, wieder mit dem alten Kirchhof verbindet. Jenseits des trennenden Schulhofzauns nämlich liegt das etwas düstere Grab des gestrengen, aber auch wieder gütigen Herrn Rat, vor dem sich die alten Leute im Sommer den neuesten Stadtklatsch erzählen.

Die stiefmütterliche Behandlung des Ajagrabes hat auch schon ihre Tradition. In den achtziger Jahren hat dieses Grab einmal einen kleinen Kulturkampf zwischen den konservativen Goethefreunden und den „fortschrittlichen“ Geistern ausgelöst. Aber diese Geschichte ist vergessen und auch aus den Akten des sonst so gelehrten Hochstifts nicht restlos zu klären.

Wir kamen auf die Sache, als wir im Archiv des so arg mitgenommenen Frankfurter Historischen Museums plötzlich auf eine Zeichnung mit der Unterschrift „Das falsche Grab der Frau Rat“ stießen. Sie zeigte einen baumüberhangenen, mit großen Eisenstäben gegürteten Totenhügel, der heute längst vergessen ist: er ist der tragikomische Akzent in der Geschichte der Goetheverehrung dieser Stadt. Was zu berichten ist, ist nichts anderes als die Geschichte einer Wiederentdeckung nach einem kaum begreifbaren Vergessen. Sie begann damit, daß man sich in Ermangelung eines Gegenstandes für den nach Goethes Tod erwachenden Goethekult anläßlich des 100. Geburtstages des Dichters auf die Gräber seiner Eltern besann, von denen die Zeitgenossen – wenn auch nicht mehr den 1782 verstorbenen Herrn Rat – so doch die 1803 verstorbene Frau Aja noch in guter Erinnerung hatten. Beide waren auf dem Peterskirchhof bestattet, der aber 1829 geschlossen wurde. Der Kirchhof kam schnell in Verfall. Als man zwanzig Jahre später auf die Suche nach den Goethegräbern ging, fand man sie nicht mehr. Daß es keine Augenzeugen der Bestattung der Frau Aja gegeben haben soll, ist uns heute unverständlich. Man mußte sich zur Auffindung der Gräber auf ein Epitaphienverzeichnis verlassen, in dem das Textorsche Erbbegräbnis unter der Nummer 188 geführt wurde. Unter dieser Nummer fand man ein verwildertes Grab, das auch in Beziehung zur Goetheschen Familie stand, richtete es her, dem Geschmack der Jahrhundertmitte entsprechend, und machte dieses Grab zum Mittelpunkt der nunmehr alljährlich am Vorabend des Goethegeburtstages stattfindenden Feiern. Man traf sich hier zur Andacht, zu Lesung und Gedenkrede – wenn, wie es scheint, auch nicht immer mit gutem Gefühl. Wenigstens nicht im Hinblick auf das Grab des Herrn Rat, von dem es in einem Hochstiftsbericht heißt, daß es „infolge kaum verständlicher Vernachlässigung spurlos versunken“ sei – vermutlich erst bei der Neuanlage von 1849. Der Lokalpoet Stoltze wenigstens will sich erinnert haben, daß der Grabhügel des Herrn Rat neben dem seiner Gattin gewesen sei. Vor der großen, zum 130. Geburtstag des Dichters um das Grab versammelten Gemeinde, sagte denn der Redner: „Unter diesem Stein liegt die Frau Rat. Und gern vermuten wir, daß unter ihrem Hügel auch der Staub des um mehr als 26 Jahre ihr vorangegangenen Gatten sich berge“ ... Just um diese Zeit tauchten in der Lokalpresse Berichte auf, die das so verehrte Grab für unterschoben und unecht’ erklärten. Die Goethefreunde rügten diese Bezichtigungen als pietätlose Machenschaften einer traditionellen Partei, die nur das Friedhofsgelände auf diese Weise für Bauzwecke freibekommen wolle. Ein heftiger Streit entbrannte – und in solcher Erregung der Gemüter wurde die Goethefeier von 1881 eine deutliche Demonstration vor der bisher als Grab der Frau Aja verehrten Stätte. Reden wurden gehalten, Gedichte gelesen, Fackeln brannten... indessen ruhte elf Grabstätten weiter nördlich Frau Rat und sah, wenn man das einmal so sagen will – nun seit 32 Jahren dem allmählich sich wiederholenden Treiben vor dem falschen Grabe zu. Der Bericht einer später vom Hochstift eingesetzten Kommission bestätigt diesen Sachverhalt. 1849 war man auf der Suche nach den Goethegräbern einer nicht in den Akten vermerkten Neunumerierung der Grabstätten zum Opfer gefallen. Bei der Überprüfung der Vorwürfe stieß man auf das heute noch vorhandene Erbbegräbnis der Textors und verehrte von da an erst die Goetheschen Eltern an dieser wiederhergerichteten Stätte. Wieder nicht ganz zu Recht. Denn zu Beginn dieses Jahrhunderts fand sich im Weimarer Archiv eine Notiz, daß der Vater Goethes nicht im Textorschen, sondern im großväterlichen, im Walterschen Erbbegräbnis auf der anderen Seite des Kirchhofs beigesetzt sei. Von einer Umbettung war nichts bekannt, und so gibt denn der nüchterne Bericht der zweiten Untersuchungskommission vom 2. Juli 1909 die uns heute bekannte Stätte als das Grab des Herrn Rat an.

Erst seit damals ruhen die Goethes auch für unser Bewußtsein getrennt. Heute ragt ein windschiefer Baum vom Schulhof her noch über das Grab, ein treuer Wächter in der Gebärde der Ehrfurcht.

Im Frühjahr also werden die Arbeiter hier alles in Ordnung bringen, nachdem eine neue Turnhalle hinter dem Grab entstanden ist, werden eine Hecke pflanzen, die schlichte Gedenktafel mit den einfachen Worten „Hier ruht Goethes Mutter“ wieder anbringen. Zur Weihe wird man wieder eine Gedenkrede halten – und den Herrn Rat drüben weiter ein wenig stiefmütterlich behandeln, wie es seit langem der Brauch ist...