Von I. Jungclaus

Ein bedenkliches Kapitel in der Literatur sind seit je Autobiographien gewesen. Obgleich Benvenuto Cellini riet, jeder Tüchtige solle sein Leben beschreiben, wenn er die Vierzig überschritten habe, so folgten seiner Aufforderung doch in Zeitungen und Zeitschriften viele nach dem Motto „corriger la fortune“, um aus der schonungsvoll bemäntelten Vergangenheit Annehmlichkeiten für die Zukunft zu scheffeln.

Nun gibt es, was die Bedenken betrifft, Ausnahmen. Unsere junge, in wirtschaftlichen und anderen Stürmen gewachsene Bundesrepublik hat statt der selbstbespiegelnden Anmaßung eines radikalen Staatsoberhauptes endlich einen freundlichen Gelehrten an ihre Spitze gestellt.

Diese Ehrfurcht bedingt jedoch eine Distanz in der Kritik seines literarischen Werkes. Wer als repräsentative Persönlichkeit in der Geschichte steht, würde nur lächeln, wenn aus ihm durch unehrliche Lobabsichten ein gefeierter Schriftsteller gemacht werden sollte. Die Schriftstellern ist zwar wesenserklärendes und wesentliches Attribut von Theodor Heuss aber trotz der Jugend-Gedichte ohne den Gelehrten in ihm undenkbar. Abgesehen davon, bietet sie ein schätzenswertes Plus für Epigonen durch ihren Stil. Man kann aus der Autobiographie unseres Bundespräsidenten Vorspiele des Lebens (bei Hermann Leins in Tübingen) unschwer jene Schule erkennen, die in weitem Sinne klassisch ist. Der sorgsame, abgewogene Satzbau, die eigene, bedächtige Wortwahl und der löbliche Abstand von Wallungen, vom Stoff überhaupt. Man fühlt, die Feder glitt spielend über vergangene Empfindungen, fürchtete sich jedoch im Gleichmaß der reifen Überlegungen vor einem Sprung in die Unerbittlichkeit des Intellektualismus. Und man spürt: dahinter steckt verebbter Aufruhr, steckt jene Erziehung durch Männer wie Lujo Brentano und Friedrich Naumann, die in mannigfachen Variationen eine geistige Generation geformt hat und nach der beklagenswerten Gleichschaltung auf den untersten Bildungsgrad jetzt allmählich wieder zu wirken beginnt. Deshalb sollte man ihre lebenden Repräsentanten achten und die erhebende Mühe des Nacheiferns propagieren.

Theodor Heuss ist kein liebenswürdiger Stilist, er setzt keinen Plüsch in die Herzen seiner Leser, sondern bedient sie mit einer Ehrlichkeit, die aus dem Kampfe des „Schwäbisch-Gemütvollen“ mit der harten Zucht verarbeiteter Enttäuschungen erwachsen scheint. In diesem Gewande sind die Ereignisse seines Lebens reizvoll, und das Zeitkolorit erhöht ihre Bedeutung. Jedes Urteil nach den Maßen eines Dichters oder eines Wissenschaftlers hors de concours wäre vermessen. Denn der Begriff des Schönen hat viele Arten,

In manchem ähnlich, doch unbedingter und subjektiver ist die Autobiographie des Regisseurs Ludwig Berger „Wir sind vom gleichen Stoff, aus dem die Träume sind“ (ebenfalls bei Hermann Leins in Tübingen). Nehmen wir die Weite des Gelebten vorweg: Mainz, Hamburg, Berlin. Hollywood, Amsterdam, London, Paris. Und auch einen Teil des Inhalts: Weber, Reinhardt, Kayßler, Krauß, Zuckmayer, Dorsch, Jannings, Garbo, Veith, Shaw, Printemps, de Hartog sowie Steiner. Dann weiß man, was Berger zu diesem Buche trieb. Er wandelt aber, Musiknarr und Märchenfreund, bisweilen auf zu zarten Pfaden und gerät besonders dort, wo er die gewiß anerkennenswerte Pflicht einer Verehrung seiner Mutter in monotonen Wiederholungen publiziert, vom charmanten Plauderer zum schwachen Echo einer großen Liebe. Das wird durch die Schilderung Hollywoods jedoch weidlich wettgemacht. Anscheinend hat ihn erinnernd die Wut gepackt über den grotesken Kunst-Merkantilismus im Reiche der auch nach der negativen Seite unbegrenzten Möglichkeiten. Seine Empörung kristallisiert sich in dem Satze: „Wie abscheulich leicht wird es einmal die Generation haben, die mit Film und Radio aufwächst und das Lügen zugleich mit dem Sprechen lernt.“ Der Rest ist „törichtes Heimweh“. Wenn auch Eitelkeit hin und wieder ihr Zepter schwingt und die Flut des Vergangenen in manche Länge auswogt, so findet Berger in der Mischung von Bonmots, Aphorismen und Anekdoten immer wieder Gelegenheit, die Fäden zu straffen. – Und der Schlußsatz ersetzt Romane: „Zu lange haben die Engel uns geholfen, es ist an der Zeit, daß wir unseren Engeln helfen!“

Nach dieser Lektüre sollte man sich hüten, im gleichen Atemzuge die Briefe des Werner von Siemens (in der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart) an seine Familie und an Freunde zu lesen. Es wäre eine zu kalte Dusche auf den Reigen der Träume.