In einem Gespräch mit Mitgliedern der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung e. V., Essen, äußerte sich der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Dr. Bender, in bemerkenswerter Weise zum Ost-West-Geschäft. Er erklärte, daß zwar der Ost-West-Handel unter das Primat der Außenpolitik falle, aber die deutsche Industrie dennoch auf eine Änderung des Embargo-Systems drängen müsse. Nach seiner Auffassung werde die UdSSR in den nächsten Jahren als starker Käufer auftreten. Dazu seine Forderung: „Deutschland muß daran seinen Anteil erhalten.“

Die Ausführungen des Hauptgeschäftsführers des BDI treffen genau in die derzeitige „Importoffensive“ der Sowjets hinein. Wir haben in der „ZEIT“ (Ausgabe vom 11. Februar) die Auffassungen von Prof. Dr. Kiesewetter vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin, zum Ost-West-Handel veröffentlicht. Dabei zeigten wir, daß der Außenhandel so oder so für die Sowjetunion stets ein Politikum ist. Daran sollte sich jeder in der Bundesrepublik erinnern, wenn er in Ostgeschäften denkt. Wir glauben, daß sich Dr. Beutler in der Öffentlichkeit falsch verstanden fühlen müßte, wenn diese Auffassung nicht als stillschweigende Voraussetzung seiner Forderung nach mehr Handel angenommen werden darf.

Die innerdeutsche Konjunktur ist nach wie vor gut. Selbst die Exportsituation ist nicht bedrohlich, wenn ihr auch viel Sorgfalt gewidmet werden muß. An sich braucht die westdeutsche Wirschaft keine „sowjetische Importspritze“. Sie hat es auch nicht nötig, sich sowjetischen Lockvögeln an die Brust zu werfen, sondern kann mit abwartender Haltung sich die Dinge entwickeln lassen. Wir meinen, daß das deutsche Politikum in dieser festen wirtschaftlichen Struktur liegt, das auszuspielen Aufgabe der deutschen Regierung ist. Wer sich heute in allzu großem Umfang auf ein UdSSR-Geschäft einläßt, kann morgen beim willkürlichen Zudrehen des Importhahnes in eine mißliche Lage geraten. So wird es den einzelnen gehen, wie ganzen Ländern, wenn sie ihre industrielle Produktionshöhe und ihren Beschäftigungsstand mit einer allzu beachtlichen Quote auf Sowjetkäufe einstellen sollten.

Sicherlich ist der Ostraum von Weichsel und Donau bis Wladiwostok/Shanghai ein traditioneller Markt für die deutsche Wirtschaft. Sicherlich wird es Zeit, daß das deutsche Industrieprodukt dort wieder stärker als bisher zur Verfügung steht. So ist auch Dr. Beutler zu verstehen. Aber alles in allem: die deutsche Stärke liegt gegenwärtig darin, daß wir diesen Markt nicht unbedingt brauchen und daß daher die Politik der Bundesrepublik diesem Raum gegenüber keine Kompromißbereitschaft zu zeigen notwendig hat. Rlt