Paris

In Frankreich ereignete sich kürzlich folgender Fall: Ein Ingenieur in Lille litt an einer langsam wachsenden Geschwulst im linken Arm; sie behinderte ihn nicht im Gebrauch, beunruhigte ihn jedoch, nachdem er sie einmal erfühlt hatte; gelegentlich spürte er auch ein Kribbeln bis in die Hand, das damit zusammenhängen mochte. Er konsultierte einen bekannten Chirurgen; dieser diagnostizierte einen allem Anschein nach nicht bösartigen Tumor, der auf den Cubitalnerv drückte. Er riet zu einer operativen Entfernung. Diese, so sagte er, würde ein einfacher Eingriff sein und das Übel beseitigen. Der Patient stimmte zu. Bei der Operation erkannte der Chirurg einen bösartig aussehenden tiefreichenden Tumor, dessen Entfernung nicht ohne Verletzung des Nervs möglich war. Er holte das ganze Gewächs heraus und zerschnitt dabei den Nerv. Dadurch wurde der Arm unbrauchbar.

Nunmehr verklagte der Patient den Arzt auf Schadenersatz. Seine Zustimmung zu dem Eingriff, so führte er aus, habe nicht eine Operation mit dem Risiko der eingetretenen Folge gedeckt. Er wolle nicht behaupten, daß der Chirurg einen ärztlichen Kunstfehler begangen habe. Indessen hätte er, der Patient, das ganze Risiko gekannt, so würde er zunächst noch abgewartet haben, ob und wie sich das Leiden weiter entwickelt hätte. Es handele sich daher für ihn um eine ohne seine Zustimmung erfolgte Operation und somit um eine ihm widerrechtlich zugefügte, schwere Körperverletzung.

Der Chirurg bestritt jede Schuld. Das Wesentliche seines Auftrags sei gewesen, den Patienten von seinem Übel zu befreien. Dies habe er nach allen Regeln der ärztlichen Kunst und Wissenschaft getan. Hätte er die Operation zur Erhaltung des Nervs abgebrochen oder auf eine nur teilweise Entfernung des erkrankten Gewebes beschränkt, so wäre dieses weitergewachsen und hätte unvermeidlich, früher oder später, eine nochmalige, tiefgreifende Operation mit der bereits jetzt eingetretenen Folge bedingt. Er habe daher die Zustimmung des Patienten zu dieser Operation mit dem Heilauftrag als erteilt annehmen oder sie, im eigensten Interesse des Patienten, antizipieren dürfen.

Die ärztlichen Sachverständigen bekundeten übereinstimmend, daß – wenn auch eine Bösartigkeit des Tumors nicht erwiesen wäre diese Operation doch vom Standpunkt der ärztlichen Wissenschaft aus richtig gewesen und ohne ärztlichen Kunstfehler ausgeführt worden sei.

Das Landgericht in Douai erkannte den Klageanspruch als dem Grunde nach gerechtfertigt an. In seinem Urteil stellte es ausdrücklich fest, daß der Beklagte vom Standpunkt der medizinischen Wissenschaft aus richtig gehandelt haben mochte und keinen ärztlichen Kunstfehler begangen habe. Indessen, das Recht auf körperliche Integrität sei ein Menschenrecht von so fundamentaler Bedeutung, daß es von einem Dritten schuldlos, das heißt, nicht widerrechtlich, nur insoweit verletzt werden dürfe, als eine Zustimmung des Verletzten zu gerade dieser Verletzung zweifelsfrei festgestellt werden könnte. Eine solche Zustimmung aber habe der Arzt nicht einwandfrei nachweisen können. Daher habe er eine psychologische Schuld (une faute psychologique) auf sich geladen und dadurch seine Schadenersatzpflicht begründet.

Dieses Urteil wurde von dem französischen höchsten Gerichtshof, der Cour Supreme in Paris, in vollem Umfange bestätigt. Die französische Presse hat über den Fall ausführlich berichtet. In zahlreichen Zuschriften an die Redaktionen haben die Leser lebhaft für und wider die Entscheidung Stellung genommen. „Le Figaro“ brachte mit etwas grimmem Humor dazu die obenstehende Zeichnung

Walter A. Lopese