Kassel, im Februar

Die Zeiten, in denen Spanien mit den schier zahllosen Stücken eines Calderon und Lope de Vega eine Pflanzstätte des europäischen Dramas war, sind lange vorbei. Was aber das deutsche Nachkriegstheater mit seinem Interesse am ausländischen Stück aus Spanien sichtbar machte, verdient Aufmerksamkeit. Da ist Lorca. Wenn der Insel-Verlag das dramatische Werk demnächst deutsch auch in Buchform vorlegen wird, dann wird jedem deutlich: Hier ist ein Dichter, der ein echter Dramatiker ist. Deutsche Fachleute berichten zwar als Zuschauer spanischer Aufführungen, daß in Lorcas Heimat die „Bluthochzeit“ ebenso als Rollenstück mißdeutet wird, wie anfangs in Deutschland, bis in Aufführungen Sellners die Folklore als dramatische Substanz der Tragik freigelegt wurde. Aber zur Dichtung gehört als Instrument nun einmal das Theater, und nicht ohne Stolz darf man dem deutschen nachrühmen, daß es Werktreue mindestens als Verpflichtung anerkennt. Das spanische Theater, soweit es nicht von „Gala“-Importen ausländischer Dpernkompanien lebt, scheint dagegen dem „kulinarischen“ Unterhaltungsstück auch im Schauspiel erlegen zu sein.

Bezeichnenderweise ging der junge Schroeder-Aramendia, von dem vor etwa zwei Jahren das Kasseler Staatstheater ein Stück vorstellte, vom Freilichtspiel und damit vom traditionell sanktionierten Calderon-Kult aus. Dennoch machte dieser junge Spanier eine mittelalterliche Legende psychologisch-ethisch transparent für die Gegenwart. Andere Stücke dieses Autors, den der deutsche Lope de Vega-Übersetzer Hans Schlegel entdeckte und in Kassel selbst inszenierte, blieben auf den Bühnen, die sie ankündigten, bisher aus. Dagegen hat sich Kassel jetzt zum zweiten Male für ein spanisches Schauspiel eingesetzt, von dem der neue Intendant des Staatstheaters, Dr. Hermann Schaffner, von vornherein öffentlich erklärte, es „könne leicht ins Auge gehen.“ Zur Ehre des Kasseler Publikums sei vermerkt, daß es nicht nur den erwarteten Theaterskandal nicht machte, sondern auf diese Mitteilung hin die Premiere füllte.

„Die Nacht nimmt kein Ende“ – so heißt dieses Schauspiel der jungen Spanier Faustino Gonzales Aller und Armando Ocano – erhielt durch einstimmigen Beschluß der Jury den Lope de Vegi-Preis des Jahres 1950 und damit die höchste Auszeichnung. Als es jedoch im staatlich subventionierten Teatro Español zu Madrid uraufgeführt worden war, fiel bereits die dritte Vorstellung dem Publikumsterror zum Opfer – ein Stück, dessen Schluß von den Autoren schon durch einen „Kompromiß mit der Kleinbürgermoral“ geändert worden war. Die Handlung blieb dennoch zu grell.

In einem Straßenbahnwagen, dessen Endstation das Leihhaus ist, sitzen Typen von heute. Sie alle treffen sich wiederholt beim „Pfandleiher“, der (in mehrfacher Person) ein Sinnbild des Lebens ist. Er gibt jedem, was er begehrt. Am Ende jedoch, als sie fast alle in der ewigen Nacht ihrer selbstischen Wünsche untergegangen sind, setzt dieser „Pfandleiher“ zur moralischen Auseinandersetzung an. Obwohl es dabei um Freiheit, ethisch-pragmatische Verpflichtung und Selbstüberwindung geht, ist der Schluß nicht der stärkste Teil des ursprünglich dualistisch angelegten Schauspiels. Auch ist die symbolisch überhöhte Fabel nicht nach den klassischen Regeln der Dramaturgie, sondern szenisch nach der sprunghaften Technik von Traumbildern aufgebaut. Es ist auch nicht zu überhören, daß die Sprache nicht bis auf die Höhe dichterischer Sinnbildlichkeit vordringt. Fesselnd sind dennoch die Dialoge, von erregender Spannung auch die grellen Stationen im oft marionettenhaft anmutenden Figurenspiel. In der surrealistischen Überblendung passieren den Autoren zwar noch manche Ungeschicklichkeiten und schiefe Bilder. Aber die Transparenz des Leihhauses als metaphysisch durchleuchtetes Panoptikum der Leidenschaften ist gelungen.

An einigen Stellen ließ die knisternde Spannung der Kasseler Premiere nach. Einige Zuschauer versuchten, an Stellen der Schwäche in Gelächter auszuweichen. Das hätte sich durch eine konsequenter stilisierende Inszenierung jedoch vermeiden lassen. Kunibert Gensichen hatte zwar eine bemerkenswert differenzierte Dialogregie geführt. Die Kasseler Schauspieler gruppierten sich um Karl Meixner (Pfandleiher) in psychologisch ausbalanciertem Kammerspiel. Über jeden Zweifel erhaben wäre die Aufführung aber nur geblieben, wenn es der Regie gelungen wäre, auch szenisch jene Form zu finden, in der sich Realität und Irrealität auf der höheren Ebene einer schließlich nur noch typisierenden Marionettenbühne zur Einheit verbunden hätten. Anders als in Madrid begründete der Gesamteindruck dennoch einen eindeutigen Publikumserfolg. Johannes Jacobi