Einige Begebenheiten, die sich an verschiedenen Orten und auf verschiedenen Märkten in den letzten Wochen zutrugen, müssen im Zusammenhang gesehen werden. Zur gleichen Zeit, wo Außenminister Molotow auf der Berliner Viererkonferenz seinen drei westlichen Verhandlungspartnern sehr eindringlich vorträgt, daß man ja auch entscheidende wirtschaftliche Fragen zu klären habe, laden sowjetische Frachter in belgischen und französischen Häfen Roheisen aus und verkaufen es an Ort und Stelle zu Preisen, die man nur als Dumping bezeichnen kann. Vor wenigen Wochen waren es die sowjetischen Goldlieferungen für die Bank von England, die einige Unruhe in westlichen Hauptstädten verursachten. Auf den Wollmärkten in den britischen Dominions, vor allem in Australien und Südafrika, waren in den letzten Wochen die Sowjets wieder die Hauptkäufer. Ihre Angebote beherrschten die verschiedensten Auktionsplätze und führten zu einer Festigung der Preistendenz. In Moskau haben dann britische Industrievertreter ihrerseits erfolgreich über die Belebung des Osthandels konferiert.

Was geht aus all dem hervor? Die Goldverkäufe Moskaus waren zweifellos dazu notwendig, einen Devisenvorrat in westlicher Valuta anzulegen. Die von Malenkow propagierte Förderung der Konsumgüter-Produktion bedingt Rohstoff einkäme, die nur so zu bezahlen sind. Das Auftreten der Sowjets auf den Wollmärkten ist ein Beispiel dafür. Die Roheisenverkäufe in Belgien und Frankreich dürfen aber wohl als ein Störfeuer angesehen werden. Moskau will offensichtlich die Reaktion und Auswirkung derartiger Verkäufe auf dem gemeinsamen Markt der Montan-Union erproben, um Erfahrungen für einen durchaus möglichen „Kampfexport“ nach den Schuman-Plan-Ländern zu sammeln. Die Montan-Union ist den Sowjets ein ebensolcher Dorn im Auge wie die EVG; ein sowjetisches Bemühen, der in letzter Zeit ziemlich optimistisch auf den Zehenspitzen gehenden Hohen Behörde Knüppel vor die Füße zu werfen, ist daher allzu verständlich.

Die UdSSR kann, wie jeder andere totalitäre Staat, dem „Versuchsballon“ des Eisen-Dumpings ein gutgelenktes Kohlen-Dumping auf dem europäischen Markt folgen lassen, sobald sie sich irgendeinen Erfolg für ihre immer von langer Hand geführten politischen Pläne davon verspricht.

Die Sowjets lagen 1952 in der Weltkohlenförderung an dritter Stelle, direkt hinter England (etwa 230 Mill. t). Die „Prawda“ meldete für 1953 die – allerdings mit Vorbehalt aufzunehmende – Förderzahl von 320 Mill. t. Polen will ebenfalls Kohlen exportieren und baut seine Förderkapazität fieberhaft aus. Der Kohlenmarkt der Schumanplan-Länder wird aber von Amerika aus desgleichen unter Druck gesetzt. Allein die Entwicklung der Überseefrachten für Kohle von den USA nach Europa (Rückgang von 15 auf 3,5 $) und die Reaktion der USA-Kohlenexporteure und -Gewerkschaften auf den sinkenden US-Kohlenexport nach Europa bestätigen, daß die Schumanplan-Gemeinschaft nur ein Teilstück der Weltwirtschaft und der vollen Konkurrenz auf dem Weltkohlenmarkt ausgesetzt ist. Was geschieht, wenn die Montan-Union gleichzeitig einen Druck vom Westen und vom Osten auszuhalten hat? Die Macht der Hohen Behörde der Montan-Union hat ihre Grenzen. Das wissen die Amerikaner und die Sowjets sehr genau. Aus dem Beratenden Ausschuß der Montan-Union, in dem die Verbraucher, Produzenten und Arbeitnehmer paritätisch vertreten sind, ist der Vorschlag gemacht worden, die Mindest-Förderkapazität des europäischen Bergbaues zu sichern und zu schützen. Nur dann sind die Betriebe und damit die Arbeitsplätze auch in Krisenzeiten gesichert. –

Der Beratende Ausschuß hat sich in seiner letzten Sitzung sehr kritisch mit dem Optimismus der Hohen Behörde auseinandergesetzt und für das Investitionsprogramm detallierte Änderungsvorschlägegemacht. Er tat es gewiß aus einem größeren Wirklichkeitssinn heraus, der das, was von Osten und Westen kommen könnte, mit berücksichtigt. Gerade die Tatsache, daß gleichzeitig mit den Berliner Verhandlungen an den verschiedensten Orten die Sowjets auf handelspolitischem Gebiet sehr aktiv am Werk sind, sollte zu höchster Aufmerksamkeit und Vorsicht mahnen. emu