Von Peter Münk

Die Erinnerung an den deutschen Wald meiner Kindheit läßt mich nicht ruhen. Immer wieder mache ich mich auf, einen Wald zu suchen, der den Märchen meiner Erinnerung entspricht. Natürlich gibt es etwas Waldbestand im Norden Englands und in Schottland – aber es gibt keinen englischen Wald und schon gar nicht das, was man Forst nennt.

Ich hörte vom New Forest im Süden Englands, das solle ein richtiger Wald sein. Ich begann meine Wanderung in Southampton. Eine Fähre setzte mich über den breiten Meeresarm zu dem Gebiet hinüber, das auf der Karte als New Forest verzeichnet ist. Die eine Meile ins Wasser reichende Landungsbrücke von Hythe hat zur Bequemlichkeit der Touristen eine kleine elektrische Spielzeugbahn mit Waggons, nicht breiter als mein Schreibtischsessel, einem Liliputanertriebwagen und einem ausgedienten Seebären als Fahrer. Doch es dauerte mir in meiner Ungeduld zu lange, bis die umfangreichen Damen, die mit an Bord waren, sich in die Bahn gezwängt hatten, und so erreichte ich das Ende der Landungsbrücke vor der Bahn, die aufgeregt prustend und blökend hinter mir herzockelte.

Es regnete, als ich durch Hythe zog. Kleine, eng aneinandergeschmiegte strohgedeckte Häuschen, eine moderne Tankstelle und ein altes Wirtshaus, das sich quer zur Straße schützend vor den Ort gelagert hat, dann Heide, weite flache Heide. Wo ist der Wald? Ich fragte. Ja, dies ist der New Forest – forest bedeutet weites wildes Gelände. Es war wirklich weit und wild; Heide, die sich mit stachligen Ginstergebüschen dem Zutritt versperrte.

Aber da am Horizont scheint so etwas wie Wald zu sein. Ich schritt schneller aus, und war tatsächlich bald im Wald, wie ich freudig feststellte. Allerdings einem ganz anderen als dem deutschen Walde. Nicht dicht und düster, sondern locker und licht. Alte Eichen greifen hier mit knorrigen Zweigen weit aus und beanspruchen gehörigen Raum um sich, während das Volk von Birken und Buchen ehrerbietig zurückweicht. Aber auch dieses Baumvolk ist keine zusammengedrängte Masse – jeder Baum behauptet seine Individualität und hat Raum um sich zur Entfaltung, so daß das ungewisse Winterlicht überall an die Stämme herankann und auf den immergrünen Boden, auf dem es kaum Unterholz gibt und einladend weiches, welkes Laub und Moos und Farnkräuter. Hier und da heben sich Tannen und Fichten kühl und fremdartig über die Eichen und Buchen, und Licht ist um alles. Im Herzen des Waldes fand ich auch dichten Nadelwald, aber der ist gepflanzt. Das eigentliche Gesicht des Waldes ist hell und freundlich. Wie leuchtend muß es erst im Sommer sein oder gar im Herbst, wen das Laub sich verfärbt und der blaue Rauch aus glimmenden Laubhaufen aufsteigt!

Plötzlich stand ich vor einer urwalddichte Gruppe von jungen Nadel- und Laubbäumen und hielt verwundert inne. Fast völlig verdeckt vor wuchernden Jungholz steht dort, tief im Herzen des New Forest, eine kleine Holztafel:

Natural regeneration