Von Karl Willy Beer

Der Senior der vier Außenminister, die in Berlin konferierten, hat am meisten darauf gedrängt, daß die Verhandlungen zum Ende kämen: John Foster Dulles. Dabei ging es ihm nicht darum, zu seinem 66. Geburtstag am 25. Februar wieder in Washington zu sein; nein, er hat, wo immer es anging, das Tempo grundsätzlich forciert. Schließlich war er es, der die größte Portion Pessimismus mitgebracht hatte. Er glaubte – im Gegensatz zu vielen Amerikanern – von Anfang an nicht daran, daß Molotow einen sowjetischen new look mitbringen werde. Dennoch zeigte er Geduld, die Kunst, zuzuhören und langsam und wohlüberlegt zu antworten: Verhandlungstugenden, mit denen Dulles in jenen Jahrzehnten ausgestattet worden ist, da er den Globus von Erdteil zu Erdteil als Jurist und Politiker durchstreifte.

Oft genug gab es im Kontrollratssaal oder in der Sowjetbotschaft eine Spannung, die befürchten ließ, ein amerikanisch-sowjetisches Gewitter könnte sich entladen. Doch Dulles zügelte stets seinen Unmut. Man weiß, daß er täglich mit Eisenhower telephonierte. Aber daß er oft bitter sarkastisch war, das gehörte sicherlich nicht zu dem, was er mit dem amerikanischen Präsidenten abgesprochen hatte. Und manch schneller, bissiger Witz, der dieser und jener weitschweifigen Auslassung Molotows gewidmet war, ist durch keinen Dolmetscher und keine Übertragungsanlage verbreitet worden. Denn Dulles, dieser, der Statur nach beinahe mächtig wirkende Mann, sprach auch dann – ja, dann besonders – leise und fast ohne Ausdruck, wenn er sehr direkte Äußerungen zu machen hatte. Dulles ist von Natur aus schweigsam. In den vier Berliner Wochen hat er mehr gesprochen als in einem halben Jahr zu Hause. Und der Verdruß, die gleichen Argumente wieder und wieder vortragen zu missen, da der sowjetische Partner ihn dazu nötigte, stand ihm im Gesicht geschrieben. Kein Wunder, daß das magere Lächeln, das Dulles in den ersten Tagen zur Schau trug, im zweiten Teil der Konferenz immer sparsamer erschien. Die breite Yankee-Fröhlichkeit liegt dem Presbyterianer Dulles ohnedies nicht. So hat er in Berlin auch nicht versucht, außerhalb der Konferenz Popularität zu gewinnen. Daß er in der „Walküre“ und in der „Elektra“ war, gehörte zu den wenigen Ausflügen ins Private. Die seltenen Stunden ohne Konferenzbetrieb füllte er lieber dadurch aus, daß er sich mit den englischen, französischen und mit vielen deutschen Politikern besprach.

Wenn einer Glanz entfaltete, so war dies Georges Bidault. Ja, er war, falls das Wort erlaubt ist, der rhetorische Star von Berlin. Es schien, als sei mit dem kleinen, stets gepflegt gekleideten und korrekt gescheitelten Mann, der auch dem an den Straßen harrenden Publikum die liebenswürdigsten Gesten machen konnte, noch einmal ein Bote jener historischen Kunst Frankreichs aufgetaucht: zu konferieren und zu repräsentieren. Bidault war offenbar für Molotow die größte Überraschung, ja, seine massivste Enttäuschung. Molotow hatte ihn zum ersten Privatgast in der russischen Botschaft Unter den Linden erkoren. Und gleich darauf trat der so umworbene Bidault so sehr durch die Eleganz seiner Reden hervor, daß er zum Wortführer der drei westlichen Minister wurde.

Wie wird man dem französischen Außenminister daheim, in Paris, diesen klaren Überzeugungseifer für die westlichen Argumente anrechnen? –: so fragten die Kenner Frankreichs an manchen Tagen. Doch Laniel, der französische Ministerpräsident, mit dem Bidault täglich mehrfach sprach, hat den Redner von Berlin nicht gebremst. Wohl war der quicklebendige Georges Bidault in Berlin sich dessen stets bewußt, daß er sich in der Position des schwächsten Partners dieser Konferenz befand, aber beim Auftritt unter den Lüstern der Sowjetbotschaft und in der strengen Kühle des Kontrollratssaales ließ er Frankreichs Eloquenz funkeln. Es schien, als habe er den Part übernommen, die amerikanisch geführte Politik des Westens mit den Argumenten französischer Logik zu untermauern.

Mit dieser seiner Fähigkeit, Frankreichs alte Ideale der Freiheit lebendig werden zu lassen, begeisterte er auch die Studenten der Freien Universität. Sie dankten ihm, als sei niemals von ihm oder der Politik in seinem Lande das europäische Zögern ausgegangen. Übrigens liebte Bidault es, in Berlin auf Entdeckungen auszugehen. Bei den Gymnasiasten im französischen Gymnasium war er; in der Oper ließ er sich sehen; im Aquarium des Zoos verblüffte er die Fachleute durch seine zoologischen Kenntnisse; in Sanssouci zog er Vergleiche zu Versailles, und an keinem Sonntag versäumte er den Kirchenbesuch. Derselbe Mann, der in seinem Land am meisten von der wechselnden Gunst der Politik abhängig ist, vom Spiel der Mehrheiten, demonstrierte in Berlin eine Klarheit des Denkens, die wohl diese Konferenz zum größten Ereignis seines Lebens gemacht hat.

Anthony Eden braucht keineswegs nach seiner Rückkehr in die britische Hauptstadt einen jähen Wechsel zwischen Reputation und Kritik zu fürchten. Er blieb während der Berliner Wochen der Diplomat, als den die Welt den „elegantesten Mann Europas“ seit mindestens zwei Jahrzehnten kennt. Er bewegte sich mit der dezenten Haltung der Fairneß. Er strahlte weder Kälte noch Temperament aus. Seine Begrüßungen geschahen lächelnd und lässig. Und wenn er zu Entgegnungen im Konferenzsaal ansetzte, hatte dies eine knappe, trockene und eindrucksvolle Wirkung.