Die diesjährige Biennale in São Paulo, mit der die festlichen Unternehmungen anläßlich der Vierhundertjahrfeier der Stadt eröffnet wurden, hat schon durch die für ihre Ausstellungen errichteten Baulichkeiten auf einem parkartigen Gelände eine wesentlich größere Bedeutung als ihre Vorgängerin im Jahre 1950. Die beiden langgestreckten Glaspavillons geben dem noch im Ausbau befindlichen Ausstellungsterrain eine bestimmte Note, und namentlich abends – die Ausstellung ist bis 24 Uhr geöffnet – sind diese lichterfüllten Gehäuse innerhalb der Eukalyptusbaumgruppen ein Anziehungspunkt der Millionenstadt.

Bedenkt man die Schwierigkeiten, mit denen die Ausstellungsleitung bei allen Leihgebern zu kämpfen hatte, so bewundert man die Fülle des Gebotenen, das über die weiten Strecken aus Europa und allen Teilen der Welt zusammengetragen wurde. Die Organisation und auch die finanzielle Sicherung lag in der Hauptsache in den Händen des Begründers des Museu de Arte Morderna Francisco, Matarazze Sobrinho, und seines Mitarbeiters, hinter denen die energiegeladene Potenz der sich unheimlich entwickelnden Stadt São Paulo stand. Das Tausende von Objekten umfassende Material ist so verteilt, daß Gesamtamerika den einen, die übrigen Nationen den anderen Pavillon füllen.

Die künstlerisch gewichtigsten Nationen haben in ihre Ausstellungen Sonderkollektionen eingebaut, die vielfach das eigentliche Zentrum der durch leichte Scherwände gebildeten Säle bilden. Neben den Lebenden, wie Picasso, Henry Moore, Calder, Marino Marine, Kokoschka, erscheinen große Tote: Munch, Ensor, Hodler, Klee. Frankreich und Italien haben daneben dem Kubismus beziehungsweise Futurismus eine besondere Bedeutung gegeben. Diese beiden europäischen Länder räumten auch der zeitgenössischen Kunst den breitesten Raum ein und haben dadurch schon rein zahlenmäßig ein Übergewicht bekommen, das von der künstlerischen Qualität noch unterstrichen wird. Besonders stark hat sich begreiflicherweise auch das Schaffen Brasiliens ausgebreitet, und neben höchst eigenwilligen, interessanten Arbeiten sieht man vieles, dessen Abstammung nach Europa, vor allem Paris, aber auch nach Nordamerika weist.

Will man den Gesamtcharakter dieser Biennale kennzeichnen, so muß man feststellen, daß die abstrakten und gegenstandslosen Werke bedeutend überwiegen, und zwar bei allen Nationen. Das mag zweifellos durch die von der Ausstellungsleitung gegebenen Richtlinien wesentlich bedingt sein, aber zugleich wird sichtbar, daß anscheinend dieser „Geschmack“ auch das Interesse des breiteren Publikums bestimmt: man konnte beobachten, daß die Kollektionen von Picasso, Klee, Moore, Laurens und was in diese Richtung weist, ungleich mehr Beachtung fanden, als etwa Munch, Hodler oder Ensor. Wieviel davon auf das Konto der Propaganda durch die Presse, den Rundfunk, die illustrierten Zeitungen zu setzen ist, wird man schwer feststellen können. Jedenfalls findet diese auch architektonisch sehr moderne Stadt und ihre tonangebende Bewohnerschicht an die neuesten Richtungen leichter Anschluß als manche europäische Großstadt, deren Tradition und kulturelle Vergangenheit ein ganz anderes Gesicht hat und darum eine mehr konservative Haltung bedingt.

Die deutsche Abteilung, von Dr. Grote zusammengestellt und verhältnismäßig bescheiden im Umfang, erhält ihren künstlerischen Rang durch die Sonderschau Paul Klee, der den Brasilianern durch Reproduktionen ein Begriff ist, dem nun in Originalen zu begegnen, mit besonderer Dankbarkeit begrüßt wird. Daneben haben unsere lebenden, jeweils mit wenigen Werken vertretenen Künstler, wie Hofer, Westphal, Barke, Trökes und andere, einen schweren Stand. Immerhin wurde dem eigenwilligen, großformatigen Zeichner Otto Pankok und fast überraschenderweise dem Plastiker Georg Brenninger durch das Preisrichterkollegium ein Ankaufspreis zuerkannt.

Zahlreiche Preise waren von öffentlicher und vor allem privater Seite ausgesetzt worden, teils mit einschränkenden Bestimmungen, die entweder die Technik oder auch die Nationalität des Künstlers betrafen. Den Hauptpreis erhielt der Bildhauer Henri Laurens, weitere fielen an Henry Moore und Calder, die Maler Manessier, Tamajo, Morande, den Jugoslawen Lubarda. Zahlreiche Nationen konnten eine größere oder kleinere Trophäe erringen. Die großen Namen, wie Picasso, Braque und einige andere, blieben außer Konkurrenz.

Will man eine Bilanz dieser Großunternehmung in São Paulo geben, so muß nach der positiven Seite gesagt werden, daß dieses umfangreiche Kunstgut trotz seiner zum Teil heterogenen Gestaltungsformen sehr geschickt dargeboten wird, daß man ersichtlich bemüht war, Akzente zu setzen, um dem Publikum die Übersicht zu erleichtern und den Besucher mit bestimmten Eindrücken aus dieser Flucht von Räumen zu entlassen. Für die großen Qualitätsschwankungen wird man die Ausstellungsleitung nicht verantwortlich machen dürfen, denn die Auswahl wurde von den einzelnen Nationen getroffen, und hier fehlte wohl öfters die nötige Einsicht, was auf einer solchen „Weltschau“ zugelassen werden kann und was nicht. Bewährt hat sich bei dieser Ausstellung das leider noch nicht genügend durchgeführte Prinzip, mit wenigen Künstlern aufzutreten, nicht mit einer Vielzahl von Namen zwar die Katalogseiten zu füllen, aber an den Wänden ein uneinheitliches verwirrendes Bild zu schaffen, das keine fesselnde Wirkung tun kann. Einige wenige Nationen, die nur einen Künstler herausstellten, wie Mexiko, Jugoslawien, haben mehr Eindrücke hinterlassen als andere, künstlerisch sicher stärkere, die auf dem engen Raum glaubten, mit einer Vielfalt von Individualitäten Aufmerksamkeit finden zu können. Freilich: die Auswahl nach dem Gesichtspunkt der Wenigen und Wesentlichen zu treffen, ist schwierig, und fast noch schwieriger ist es, diese Beschränkung gegen berechtigten und unberechtigten Anspruch auf Beteiligung an einer solchen internationalen Rundschau im eigenen Lande durchzusetzen.

Eberhard Hanfstaengl