Alles beim alten

Aus den bisher aus Moskau eingetroffenen Zeitungen ergibt sich ein Bild von der Art, wie die Bevölkerung der Sowjetunion über die Berliner Konferenz unterrichtet wird. Zunächst einmal erscheinen alle Konferenzberichte erst auf der dritten und vierten Seite, die Innenpolitik hat immer den Vorrang. So reservierten die Moskauer Zeitungen am 26. Januar die Titelseiten für die Berichte über die Kremlsitzung zur Behebung der Krise in der sowjetischen Landwirtschaft. Davon abgesehen, nehmen die Berliner Kommentare jedoch mehr Platz ein als die in den meisten westlichen Zeitungen. Sie stützen sich bei allen Zeitungen der Sowjetunion auf die dürftigen Berichte der amtlichen Agentur TASS. Keine Zitate aus den Reden der westlichen Minister, außer wenn sie sich – aus dem Zusammenhang gerissen – zu Propagandazwecken verwenden lassen. Dagegen erscheinen die Reden Molotows immer im vollen Wortlaut. Er beherrscht alle Sitzungen. Er ist der einzige Verteidiger des Friedens, der einzige Vorkämpfer einer internationalen Entspannung. Seine Lösungen sind die einzig richtigen. Seine Gegner können ihm mit ihren lächerlichen oder kriegshetzerischen Argumenten natürlich nicht widerstehen. Der Eden-Plan wird überhaupt nicht erwähnt, wohl aber Molotows Antwort darauf. – Man sieht, es hat sich nichts geändert.

Franzosen waren gewarnt

Einige bisher unbekannte Einzelheiten, die den Verlauf des Krieges beeinflußten, gibt André Lffargue in der Pariser Zeitung „Le Monde“. Er sagt: 1934 entsandten die Russen unter dem Vorwand von Verhandlungen über Öllieferungen einen Mann namens Ostrowski nach Frankreich, der in Wirklichkeit beauftragt war, Verbindungen mit den führenden französischen Militärs aufzunehmen, die in den Augen der Russen für zuverlässiger galten als die Politiker. Ostrowski brachte die Verbindung tatsächlich zustande und unterbreitete ihnen im Auftrage seiner Regierung die folgenden russischen Ansichten: „Wir werden binnen kurzer Zeit beide von den Deutschen angegriffen werden. Es gibt nur ein Mittel, diesen Angriff 7. zu verhindern, und das ist ein Zurückgreifen auf das Militärbündnis, das Ihnen schon im Jahre 1914 einen Erfolg brachte. Aber wenn Sie die deutsche Gefahr nicht ernst nehmen oder Ihnen unsere Nase nicht paßt, wird uns keine andere Lösung übrigbleiben, als uns mit den Deutschen zu verständigen, um Zeit zu gewinnen.“

Taktische Beleidigungen

„Sie brauchen nicht in den Zoo zu gehen, um Affen zu sehen. Gehen Sie doch ins Parlament, da gibt es genug“, hat der japanische Ministerpräsident Yoshida in einem Interview mit einem japanischen Humoristen gesagt. Aufgefordert, sich zu entschuldigen, begnügte er sich damit, im Parlament ironisch lächelnd zu erklären, daß er den allerhöchsten Respekt vor allen Abgeordneten habe. Yoshida hatte vor einem Jahr einen Abgeordneten als den Typ eines Vollidioten bezeichnet und daraufhin zurücktreten müssen. Diesmal wählte er für seine Beleidigungen einen Moment größter politischer Verwirrung; es geht um das von den Linksparteien scharf angegriffene Sparsamkeitsprogramm und die Finanzskandale der Regierung. Man vermutet, daß Yoshida nach einem ergebnislosen Rücktrittsangebot die Auflösung von Regierung und Parlament nun wieder auf dem Beleidigungswege erreichen will.

Schmedemann wehrt sich