Vor vielen Jahren sah ich in dem sehr intelligenten Magazin „Der Querschnitt“ ein höchst sonderbares Bild. Ein schlanker, drahtiger Mann hatte seinen Hut tief in die Stirn gedrückt; sein Gesicht war halb verdeckt und das eine Auge zugekniffen, weil er mit einer Pistole genau in das Objektiv der Kamera zielte. Unter dem Bild stand: Jean Cocteau. Ich hielt das Ganze damals, vielleicht mit Recht, nur für eine überspannte Pose, doch ein kleiner Widerhaken des Zweifels war da. Jedenfalls vergaß ich das Bild bald. – Jahre danach tauchte die Erinnerung daran wieder auf, als ich vor einem Optikerladen stand und darüber nachdachte, wie viele Geräte es doch gibt, mit denen man einen Gegenstand anpeilt, auf ihn zielt. Bei Mikroskopen, Filmkameras, Fotoapparaten, Sextanten, Entfernungsmessern, Zielfernrohren ist es so. Und mir wurde plötzlich klar, daß dahinter etwas Typisches, etwas Bedeutsameres stecken muß; daß alle diese Gebrauchsinstrumente einen vielleicht entscheidenden Zug in der Haltung unseres Geistes ausdrücken. Auch Autos und Flugzeuge werden ja eigentlich gezielt (bei den Rennen um die Höchstgeschwindigkeiten sogar regelrecht mit einem Fadenkreuz), die Eisenbahn läuft in den Schienen wie die Kugel im Lauf, und in den Kampfbahnen des Sports, wenn sich etwa die Läufer gegen das Zielband werfen, spürt man sogar deutlich den Genuß am Schnellen der Körper über die Gerade.

Was tut man aber nun, wenn man zielt? – Man stellt den kürzesten Weg her zwischen sich und einem bestimmten Punkt, Ausschnitt, Gegenstand, den man beobachten, im Bild festhalten, vernichten oder zu dem man sich hinbewegen will. Die Beziehung zwischen Menschen und Dingen, zwischen den Dingen untereinander, erhält, indem sie so zur Geraden als der kürzesten Verbindung zweier Punkte wird, eine nicht mehr zu überbietende nackte und kalte Logik. Im selben Maße wird sie abstrakt, unlebendig, rücksichtslos, denn alles nicht unmittelbar dem Zweck Dienende fällt weg. Diese Haltung und dieses Verfahren ist sozusagen die absolut gewordene Zweckmäßigkeit.

Es gibt ein wunderbares historisches Beispiel dafür, wie die Menschen beim ersten Aufkommen solcher „action directe“ reagierten. Als im Mittelalter die ersten Geschütze in die edle und bunte Welt des Rittertums hineinfeuerten, da wandte sich dieser neuen, alle Regeln des anständigen Kampfes über den Haufen werfenden Waffe ein unbändiger Haß entgegen. „Der männliche, tapfere Held konnte“, wie Luther sagte, „von jedem losen, verjagten Buben durch das Geschütz erlegt werden.“ Wenn man einen Stückmeister zu packen bekam, so hat man ihn mehr als einmal in seine eigene Büchse gepreßt und abgefeuert. Aber diese energische Behandlung der Neuerer hat bekanntlich nichts genützt. Der Zwang zur allerpursten Zweckmäßigkeit setzte sich durch, und die Welt mußte sich, ob sie wollte oder nicht, entschließen, alles schöne ziellose Lustwandeln, alle angenehme Zwecklosigkeit mehr und mehr zu lassen, immer ausschließlicher den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu gehen. Wobei sie denn freilich die Entdeckung machte, daß es immer einen noch kürzeren gibt. Seitdem sind wir damit beschäftigt, überall nach dem idealen und vollkommenen kürzesten Weg zu jagen, und zu diesem Zweck bohren sich die Blicke der Forscher durch die Mikroskope, arbeitet der menschliche Geist unablässig rechnend und analysierend.

Vor allem ist aber dieses Prinzip das A und O jeglicher technischen Konstruktion. Jede unserer Maschinen ist vom Benzintank bis zum Auspuff um den bis jetzt kürzesten Weg ihres Funktionssinnes herumgebaut, und jede Teilstrecke dieses Weges wurde ebenfalls von einem genau zielenden Auge ausgepeilt.

Immer mehr hat sich auch unser Leben dem gleichen Prinzip angepaßt. Die alte Stadt hatte gekrümmte Gassen – unsere Straßen und Wege sind kerzengerade und wir haben sie im rechten Winkel zu überschreiten. Die Bürgersteige sind Laufstege für den schnell seinem Ziel zueilenden Fußgänger geworden, in der Fahrbahn rollen ebenso zielsicher die Fahrzeuge. Selbst die Gesichter der Zeitgenossen in den Büros, in den Hörsälen, den Werkstätten, haben ihren Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit um die Augen konzentriert, einen Ausdruck des Zielens, und die Brille verschärft und unterstreicht ihn noch. Alle Umwege und Verzögerungen werden so wegvisiert, und von jenen bedauernswerten Geschützmeistern sind wir im Dienst des technischen Grundprinzips, der Unmittelbarkeit: mit möglichst sparsamem Aufwand den denkbar größten Effekt zu erzielen, bei der Atombombe angelangt. Der allerkürzeste Weg und freilich auch der Kurzschluß wäre erreicht, wenn die beiden Endpunkte der Geraden zusammenfallen. Der Münchner Komiker Weiß Ferdl hat das im Krieg einmal sehr schön ausgedrückt, wenn er meinte, warum eigentlich die Engländer erst mit ihren Bomben nach hier flögen und wir nach dort. Jeder solle das Seine kaputtmachen, das ginge einfacher und besser. Tatsächlich gibt es primitive Völker, die gewisse Duelle auf diese Weise austragen. Und lag nicht in unserem Kriegsende schon einiges von dieser Paradoxie?

Doch nun ist es geraten, das Auge vom Okular zu nehmen, durch das auch wir unversehens nach einer Eigentümlichkeit der Zeit gezielt haben. Die Frage ist nicht zu umgehen, ob sich etwa am Ende die Welt in ein rasendes Hin- und Herjagen unendlich vieler Weberschiffchen auflösen wird, von denen jedes zu zielen meint und doch nur gezielt wird, ohne daß man erkennen könnte, welches Gewebe dabei entstehen soll. Auch die Vision eines Weltenlenkers taucht auf, der als eine Art Rastelli des Universums zur Zeit mit den Dingen und Wesen spielt, indem er sie in immer rasendere Bewegungen versetzt. Aber Gott als Jongleur ist ziemlich unwahrscheinlich, und so darf man hoffen, daß uns gerade im Augenblick der bis zum äußersten gesteigerten Funktion, der Bewegung im Endspurt sozusagen, die Ruhe eines neuen Seins überrascht: Kristallisation aus der Lösung. Die besten Okulare sind schon darauf, als auf das Ziel aller Ziele, gerichtet. Wilhelm Backhaus