Von Paul Hühnerfeld

Knapp sieben Jahre ist Hans Fallada tot – aber manchmal scheinen es schon siebzig Jahre zu sein. Nicht etwa, daß die Bücher des großen pommerschen Dichters heute nicht mehr gelesen würden: Falladas letzte Romane „Der Trinker“ und „Jeder stirbt für sich allein“ sind zwar keine Bestseller geworden, haben aber eine gute Auflagenhöhe erreicht; die Bücher, die ihm Weltruhm brachten: „Kleiner Mann, was nun?“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“, „Wolf unter Wölfen“ sind als Taschenbücher in viele tausend Hände gelangt; und eben jetzt gibt der Südverlag (München-Constanz) jenen Roman heraus, den Fallada, der „Unerwünschte“ während des Dritten Reiches in der Berliner Illustrierten veröffentlichen durfte, der damals „Die Frauen und der Träumer“ und heute Ein Mann will hinauf (601 S., 16,70 DM) heißt.

Woher also kommt das Gefühl, Fallada gehöre einer längst vergangenen Schriftstellergeneration an, wiewohl der 1893 in Greifswald Geborene doch, lebte er noch, nur fünf Jahre älter wäre als Hemingway, aber fünf Jahre jünger als Eliot und 23 Jahre jünger als Claudel? Liegt es vielleicht daran, daß gerade die drei zitierten Dichter Schule gemacht haben, daß ihre Art des Schreibens und Denkens von gleichaltrigen und jüngeren Schriftstellern als maßgebend empfunden und nachgeahmt wurde – Falladas Schreiben und Denken dagegen nicht? Ist es nicht merkwürdig: die deutschen Schriftsteller von heute sind bei Kafka, Hamsun, Wilder, Thomas Mann und den obenerwähnten in die Lehre gegangen, aber es gibt keinen einzigen Fallada-Epigonen. Ist Fallada als Vorbild zu klein oder – zu groß? Ist niemand bereit, das Erbe eines Mannes anzutreten, der den freiesten und demokratischsten deutschen Staat, den es jemals gab – die Weimarer Republik – in einer Gültigkeit bedichtete, wie einst Theodor Fontane das durch Preußen geprägte Kaiserreich, Dickens das England des vorigen Jahrhunderts, Katajew die Sowjetunion der zwanziger Jahre und Saroyan den Alltag der USA vor dem zweiten Weltkrieg?

Wahrscheinlich kommen einige Gründe zusammen, die erklären, warum Falladas Art zu schreiben keine Nachfolge findet: der erste liegt in einer immer noch vorhandenen Unterschätzung des Dichters. Wohlgemerkt: eine Unterschätzung durch den Literaten und Schriftsteller, nicht durch den Leser. Denn viele deutsche Schriftsteller sind immer noch geneigt, Fallada als eine Art Berliner Volksschriftsteller mit Herz und Schnauze abzutun, einen Zille der Literatur, dem nachzufolgen überhaupt nur einem Berliner gelingen könne. Andere sehen ein, daß in so engen Rahmen der Gigant Fallada nicht hineinpasse – sie argumentieren dagegen: Fallada habe eine nur sehr zeitbedingt gültige Aussage über die zwanziger Jahre gemacht – er habe den Heutigen nur in bezug auf diese Jahre etwas zu sagen.

Dieser erste Grund der Unterschätzung aber wird durch den jetzt zum erstenmal als Buch erscheinenden Roman „Ein Mann will hinauf“ widerlegt, obwohl der ehemalige Fortsetzungsroman nicht zu den stärksten Werken Falladas gehört. Freilich ist die Hauptgestalt dieses Romans, der in Berlin zwischen 1893 bis in die dreißiger Jahre spielt – freilich ist Karl Siebrecht eine der schönsten Figuren, die Fallada je erfand. Mit siebzehn Jahren kommt der Junge vom Land nach Berlin mit dem festen Vorsatz, diese Stadt zu erobern; wie ihm dies gegen immer neue Rückschläge – fast gelingt, das erzählt Fallada. Der Weg des Gepäckträgers, Droschkenkutschers, Taxifahrers, Fuhrunternehmers und – schließlich – des Generaldirektors einer großen Gepäckspedition nach oben ist ein sehr eigenartiger Weg: denn Karl ist eine märkische Mischung aus Realitätsbesessenheit und Traum – trotz seiner niederen Abkunft dem Prinzen von Homburg verwandt. Deswegen spielen Frauen auf der Stufenleiter dieses Aufstiegs eine so große Rolle: sie schieben den Eroberer Karl von Sprosse zu Sprosse, und er pflegt sie – um im Bild zu bleiben – zu treten, sobald er mit ihrer Hilfe die nächste Sprosse erreichte. Aber Karl Siebrecht will eigentlich niemanden treten oder verletzen: es ist sein Charakter, der verletzt; in ihm wohnt Starrsinn eng neben Idylle, Untreue neben Liebe; es sind die Eigenschaften einer Jugend zwischen Kiefern, Sand und dann in dem zur Weltstadt rüstenden Berlin, die auf andere Art träumt als die Jugend irgendwoanders in Deutschland oder in der Welt.

Die Hauptgestalt ist die große Stärke des Buches, seine Schwäche liegt in den gezeichneten Frauenfiguren, von denen nur die erste, das kleine „Proletenkind“ Rieke, wirklich überzeugt. Was dieses Mädchen vom Wedding allein an Berliner Redensarten produziert, hat zur Vorbedingung, daß Fallada den Leuten in einer Intensität „aufs Maul schaute“, für die Luther den Dichter belobigt hätte. Aber je feiner die Mädchen werden, um so schwächer sind sie gezeichnet, und Hertha Eich schließlich, die letzte, eine reiche Bürgerstochter, ist in ihrer Kühle gar überzeichnet und überzeugt als einzige Siegerin über den märkischen Träumer Karl nicht.

Dennoch: das große Thema des vorwärtsdrängenden Menschen, der Böses tun muß, wiewohl er gut und heil ist, den selbst die Träume noch vorwärtstragen, weil ihm aus ihnen die Kraft zum Wachen zufließt, hat Fallada meisterhaft geschildert ... Grund genug also, selbst dieses Buch mit seinen Schwächen nachzuahmen ...