Von Marion Gräfin Dönhoff

Singaradja, im Februar

Zu meiner Enttäuschung hatte ich vernommen, daß die Hahnenkämpfe – der traditionelle Sport von Bali – verboten sind. Als ich aber am ersten Morgen, lange vor Sonnenaufgang, einen Chor von Hähnen krähen hörte, ahnte ich, was dieses Verbot wert war. Überhaupt war vieles anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte befürchtet, eine Art Hollywoodbetrieb vorzufinden, mit Luxushotel und Schautänzen. Bei der Ankunft erfuhr ich jedoch, daß in dem Hotel der Insel seit 14 Tagen gestreikt wird. "Sie müssen selber kochen! Sauber gemacht wird nicht! Bettwäsche gibt es keine!", hörte ich bei der Ankunft. In der Tat lag in dem Zimmer, das mir zugewiesen wurde und das ich durchs Fenster besteigen mußte, weil die Mitwohnerin, eine Holländerin, den Schlüssel auf einen Ausflug mitgenommen hatte, in einer Ecke ein großer Haufen alter Bettwäsche.

Touristen gibt es nicht sehr viele, und die meisten beschränken sich darauf, mit dem Taxi in der näheren Umgebung herumzufahren. Die Straßen sind wie fremde Ströme, die an dem eigentlichen Leben der Bewohner vorüberfließen, deren Dörfer alle durch hohe Mauern vom Verkehr abgetrennt sind. Aber wenn man abseits der Straßen zu Fuß durch das Land streift, dann liegt dieses Leben offen ausgebreitet. Winzig kleine Reisfelder fügen sich an große Äcker. Miniaturtempel, aus Reisstroh geflochten, stehen wie kleine Vogelhäuschen auf einem Pfahl mitten im Feld. Hier gibt es keine technischen Verkehrsmittel; alles wird nach Haus geschleppt: das Holz, die Ernte, die Markterzeugnisse... Die Frauen tragen alles auf dem Kopf, die Männer hängen die Sachen an eine Art chinesischen Tragholzes, das sie über einer Schulter balancieren. Man folgt schmalen Wegen und sieht mit Spannung den verborgenen Hütten eines Dorfes entgegen, wenn plötzlich in der Ferne ein Hund bellt oder man den Takt der Stampfer hört, mit denen die Frauen in ausgehöhlten Stämmen den Reis zu Mehl stoßen.

Drollige Europäer

Eines Tages habe ich in Singaradja (im Norden von Bali) in einer höheren Schule vor den Jungen der obersten Klasse, in deren Unterricht ich zufällig hereinplatzte, eine Stunde lang über meine Reiseerlebnisse, über Europa, Deutschland und alles mögliche reden müssen. Sie konnten erstaulicherweise diesem englischen Speech folgen, waren überhaupt sehr lebendig, aber riesig lachlustig. Als ich nachher der Indonesierin, die den englischen Unterricht erteilt, eine Bemerkung darüber machte, meinte sie: "Wir haben einen Amerikaner hier, der gelegentlich unterrichtet. Neulich hat er sich einmal darüber beschwert, wie kindisch die Schüler seien: die Oberprimaner lachten über Witze, die man anderwärts kaum in der Elementarschule mit Erfolg erzählen könne. Ich mußte ihn dann", so sagte sie, "darüber aufklären, daß sie ganz gewiß nicht über seine Witze lachten, sondern über ihn, weil für sie alles an ihm erstaunlich fremd, komisch und belustigend sei..." – Sehr betroffen, stellte ich die Frage: "Wirken wir Europäer so drollig auf die Bewohner von Bali?" Keine Antwort...

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