Die Scheinwerfer, die auf Berlin gerichtet waren, sind erloschen. Viele Wochen lang wurde der Name der ehemaligen Reichshauptstadt in allen Sprachen der Welt genannt. Fast hätte man glauben können, es schlüge inmitten Deutschlands noch ein intaktes Herz. Gewiß, eine Illusion. Aber zugleich auch war die neue Geltung Berlins ein Symbol.

Sah man nicht, als die Konferenz beginnen sollte, Ostberliner und Westberliner gemeinsam am Tempelhofer Flugplatz die Ankunft von Dulles und Eden erwarten? Und konnte man, solange die Konferenz andauerte, nicht täglich Menschen aus der Sowjetzone in Berlin treffen, obwohl ihnen die Fahrt schwer gemacht worden war? Was hatte sie hergeführt? Die Gewißheit, daß sich in Berlin Entscheidendes für Deutschland – ob positiv oder negativ – zutrüge.

Bidault hat in seinem Dank an den Senat von der Symbolhaftigkeit Berlins gesprochen: "Diese in zwei Hälften gespaltete Stadt, deren Einwohner seit Jahren mutig und ohne Verzagtheit Schwierigkeiten ohnegleichen ausgesetzt sind, ist das Sinnbild der Spaltung Europas und der Unsicherheit, die über seiner Zukunft liegt. Wir (und Bidault meinte die westlichen Außenminister, in deren Namen er sprach) werden das Andenken an den Mut und die Opfer der Menschen bewahren, die in dieser geteilten Welt und an ihrem Schnittpunkt so viele Mühe auf sich nehmen, die Freiheit des Geistes zu erhalten und aufrecht zu leben."

Es war nach dem Kriege von 1871, daß auf dem Concordia-Platz zu Paris die Fahnen der für Frankreich verlorenen Provinzen Elsaß und Lothringen wehten. Im Bundestag zu Bonn werden, wenn Adenauer aus Berlin zurückgekehrt sein wird, die Fahnen Berlins und.aller Provinzen der heutigen Sowjetzone und der verlorenen Ostgebiete zu sehen sein.

Berlin, die "freie Insel in einem roten Meer", strahlt allein schon durch seine Existenz politische Energie weithin in seine Umgebung aus. Die Westmächte haben nicht nur ihre Garantieerklärung erneuert, die besagt, daß jeder Angriff auf Berlin als ein Angriff auf die Länder des Westens angesehen würde; sie haben zugleich angekündigt, daß sie innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen des Westens mit Deutschland den direkten Kontakt mit Berlin intensivieren werden. Mit den USA sind Verhandlungen über eine neue große Berlin-Unterstützung eingeleitet worden. In diesem Augenblick ist es wichtig, uns darüber klarzuwerden, daß die bisherige Hilfe der Bundesrepublik für Berlin, so groß sie ist, künftig nicht genügt. Daß die Zeit des Abwartens und des Hinzögerns zu Ende sein sollte – nun, da der Ausgang der Berliner Konferenz mindestens ein Gutes gebracht hat: Klarheit über die Politik der Sowjets –, das dürfte den Wünschen nicht nur der Berliner, sondern aller Deutschen entsprechen. Die Reise Adenauers nach Berlin ist für die Berliner nach dem düsteren Ausgang der Konferenz der erste Lichtblick gewesen.

Es liegen Pläne vor, für Westberlin die Einkommen- und Körperschaftssteuer so sehr zu senken, daß sie 30 v. H. niedriger als in der Bundesrepublik liegen. Das ergäbe (bei einem gegenwärtigen Ertrag aus diesen Steuern von rund 360 Millionen DM) einen Ausfall von 120 Millionen DM. So hoch diese Einbuße ist, so wäre sie doch eine zuverlässige Gewähr dafür, daß bald das erste Ziel jener Wirtschaftsmaßnahmen erreicht wird, die danach streben, möglichst bald mindestens 50 000 neue Arbeitsstellen zu beschaffen. Augenblicklich hat Westberlin 220 000 Arbeitslose: sie stellen das härteste Problem der Berliner Wirtschaft dar. Weiterhin hat der Berliner Senat darum gebeten, daß Haushaltszuschüsse gewährt werden; auch die Auftragsfinanzierung für die Westberliner Industrie soll zukünftig erweitert werden.

Da Berlin den Deutschen der Sowjetzone nach wie vor als die eigentliche Hauptstadt gilt, wird diese Stadt stets der Ort sein, an dem sie noch am ehesten den Hauch der Freiheit atmen wollen. Deshalb wird daran gedacht, Besuchern aus der Zone in Westberlin (wie auch in Westdeutschland) für die Zeit ihres Aufenthaltes finanzielle und wirtschaftliche Erleichterungen zukommen zu lassen. "Wir müssen die Deutschen in der Sowjetzone stützen", hat Dr. Adenauer soeben erklärt. "Wir müssen sie stützen in ihrem Willen, wachsam und vorsichtig, zähe und geduldig zu bleiben. Ihr stiller Widerstand, ihr Ausharren in der Zone der Unfreiheit sind das größte Verdienst um die deutsche Sache. Sie tragen die weit schwerere Last. Tun wir das unsere, sie ihnen leichter zu machen!"