Auf dem Gebiet des Klavierkonzertes, einer bei den Schallplattenfreunden von jeher besonders beliebten Gattung, haben die letzten Monate mehrere wichtige Neuerscheinungen gebracht.

Anton Rubinstein: Klavierkonzert Nr. 4 in d-moll, op. 70. Friedr. Wührer/Philharmonia Orch., Wien/Rud. Moralt (Vor. Pl 7780);

Camille Saint-Saens: Klavierkonzert Nr. 2 in g-moll, op. 22. Moura Lympany/Londoner Philh. Orch./Jean Martinon (Dec. LX 3064);

Serge Rachmaninoff: Klavierkonzert Nr. 2 in c-moll, op. 18. Julius Katchen/Neues Symph. Orch. London/Anatole Fistoulari (Dec. LXT 2595) und Cor de Groot/Residenz-Orch., Den Haag/Willem van Otterloo (Phi A 00162 L); Klavierkonzert Nr. 3 in d-moll, op. 30. Moura Lympany/Neues Symph. Orch., London/Anthony Collins (Dec. LXT 2701).

„Die Akten über Anton Rubinstein werden in langem noch nicht zum Abschluß kommen“, so schrieb Hans v. Bülow vor bald hundert Jahren. In mehr als einem Sinne sollte er recht behalten. Das bei uns so gut wie verschollene vierte Klavierkonzert des großen Russen taucht aus der Versenkung wieder auf. Aber nicht nur das: es erweist sich plötzlich, daß die elegische Anschauungswelt dieses „männlichen Melancholikers“, wie Bülow ihn nannte, die hier in einer für Rubinstein selten konzentrierten Form zum Ausdruck kommt, in ihrer Art, Atmosphäre zu erzeugen, auf eine Reihe späterer Klavierkonzerte gleicher Richtung stilistisch einen unverkennbaren Einfluß ausgeübt hat. Diese späteren Werke sind heute geläufige Begriffe für jeden Schallplattenfreund, während ihr bahnbrechender Vorläufer inzwischen in Vergessenheit geriet. Als Beispiele nennen wir das zweite Klavierkonzert von Saint-Saens, dessen Uraufführung Rubinstein seiber dirigierte, und das zweite und dritte Konzert van Rachmaninoff, der seine ersten musikalischen Eindrücke an Rubinsteins Lehrinstitut empfing. Für diese Musik ist es nun bemerkenswert und wichtig, daß ihre Schöpfer durchweg hervorragende Pianisten waren: sie haben gewußt, was sie wollten. Die Art der Wiedergabe spielt daher schon aus diesem Grund bei ihr eine entscheidende Rolle. Es bleibt das Verdienst Friedrich Wührers, des Wiener Pianisten, und des Dirigenten Rudolf Moralt, uns mit ihrer klanglich hervorragenden Aufnahme auf diese Zusammenhänge gebracht zu haben, die wir in der vorliegenden Gruppe nun bestätigt finden. Aber Wührers technisch unfehlbares Spiel bietet zugleich auch ein Beispiel, in welcher Weise diese Pianistenmusik dargestellt werden muß, wenn sie überzeugen soll. Im Verein mit großartiger Verve besitzt es jenen geräumigen, breit ausladenden Stil, der den imposanten architektonischen Aufbau zur Geltung bringt, während das Register seiner Tonbildung nuanciert genug ist, um alle im Werke liegenden Farbwirkungen und Illusionen wachzurufen.

Saint-Saens hat sein, ebenfalls ganz auf den romantischen Raum abgestelltes g-moll-Klavierkonzert in siebzehn Tagen aufs Notenpapier geworfen; und von den einleitenden, wie von ungefähr präludierenden Tönen des ersten Satzes an, ist das Improvisatorische für das gesamte, auch in seinem Aufbau jedem Schema abholde Werk zu einer Quelle köstlicher Unmittelbarkeit und Frische geworden. Moura Lympany ist für uns eine neue Klavierpersönlichkeit. Im Hauptthema des ersten Satzes, der den Zauber der Pariser Atmosphäre eines noch unbeschwerten Jahrhunderts atmet, entwickelt sie Töne von einem so samtenen Charme, wie wir sie bislang von der Schallplatte noch nicht vernommen zu haben glauben; und das Feuerwerk, das sie in den beiden folgenden Sätzen abbrennt, beweist, wie jung diese Musik geblieben ist, sofern sie nur mit Eleganz und Esprit gespielt wird. Im Verein mit der zugleich disziplinierten wie lockeren Stabführung Jean Martinons wird hier eine Leistung von seltener Schönheit und Geschlossenheit geboten.

Es wird dem Neuromantiker Rachmaninoff oft vorgeworfen, seine Musik sei immer nur schön und immer nur traurig, während ihr doch eigentliche Tragik und damit auch letzte Größe abgehe. Nun sehen wir zwar in der Tragik keine unerläßliche Grundbedingung zur Größe. Uns fehlt aber bei diesem sich musikalisch ewig selbst bedauernden Komponisten eher ein anderes Element, das die letzten Sätze der besprochenen Werke Rubinsteins und Saint-Saens in so hohem Maße auszeichnet: Humor. Denn selbst die scherzando-artigen Hauptthemen in Rachmaninoffs Schlußsätzen befreien nicht, sie ängstigen. Das zweite Konzert in c-moll, das dem Komponisten Weltberühmtheit beschert hätte, wäre ihm sein cis-moll-Prelude hierin nicht zuvorgekommen, liegt in zwei klanglich wie musikalisch einander ebenbürtigen Aufnahmen vor. Ebenbürtig, und doch, wie grundverschieden voneinander Julius Katchen, der junge russich-amerikanische Pianist, ist selber mit Haut und Haaren der Melancholie des Komponisten verfallen. Sein Spiel ist ganz und gar Farbe, und fast bemüht es sich, auch diejenigen Partien noch in weiche Schönheit aufzulösen, denen die Partitur an sich herbere Akzente zubilligen würde. – Weniger feinnervig im Sinne des Gesagten, dafür aber ungleich viel interessanter, packt Cor de Groot seine Aufgabe an. Dieser urgesunde, aber auch urmusikalische Holländer scheint für russische Lethargie nicht viel Verwendung zu haben, und er macht mit ihr kurzen Prozeß. Dafür entdeckt er den dem Werk anhaftenden außergewöhnlichen pianistischen Glanz sozusagen neu, und vermöge einer strahlenden Virtuosität bringt er ihn dem überraschten Hörer auf das wohltuendste zu Bewußtsein. Daß Cor de Groot, wenn er will, auch über ungemein zarte Pastellfarben verfügt, beweisen die beiden als willkommene Füller beigegebenen Solostücke. – Was endlich Rachmaninoffs drittes Klavierkonzert betrifft, so begegnen wir in ihm wiederum Mourna Lympany, jedoch einer völlig anderen als bei Saint-Saens. Diese halsbrecherische, stellenweise fast ein wenig triviale Komposition fordert dem Spieler so ziemlich alles ab, was es an pianistischem Rüstzeug überhaupt gibt. Es gereicht der jungen Künstlerin, deren eben noch so weiche Finger hier mitunter plötzlich aus Stahl geschmiedet scheinen, sicherlich zur pianistischen Ehre, daß sie sich, auch der Brutalität dieses Klaviersatzes fast bis zum allerletzten gewachsen zeigt. chr