Von Paul Fechter

Ein Abend im Februar 1953, ostwinddurchweht, mit scharfem Frost. Der Wagen rollt die breite, verschneite Heerstraße entlang, in die wunderliche Einsamkeit jener Grunewaldstraßen und -alleen, die ihre Namen nach 1918 erhielten, als der deutsche Osten zum erstenmal vom Reich abgetrennt war. Kein Mensch, kein Gefährt, nur eisige Stille, bis man in die dunkle Arysallee kommt. Da leuchten Fenster, eine Reihe von Autos steht geduldig wartend in der Kälte; Mäntel mit sehr hochgeschlagenen Kragen bewegen sich die Stufen zu einem hellen Hause empor: etwas Besonderes geht vor und wird schon von weitem erkennbar.

Das Besondere ist ein Geburtstag – ein besonderer Geburtstag eines besonderen Mannes. Der Physiker der Technischen Universität Berlin, Prof. Dr. Carl Ramsauer, Vorsitzender der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und Schöpfer des Forschungsinstituts der AEG, begeht seinen 75. Geburtstag, und was in Berlin etwas mit Physik und physikalischer Technik zu tun hat, bringt ihm seinen Glückwunsch. Das schöne warme Haus ist voll von Menschen, meist Männern; Frauen, wenn sie nicht Lise Meitner heißen, stehen der Makro- wie der Mikrophysik nicht ohne eine gewisse mißtrauische Distanz gegenüber: für sie gibt es wesentlichere Wirkungsbereiche. Der Professor Ramsauer, ein mittelgroßer Mann mit einem klugen, ruhigen Gelehrtengesicht, über dem fern ein Zug von der Stille und Beherrschtheit Max Plancks liegt, empfängt Gäste und Gaben und Glückwünsche und Grüße mit der Ruhe und der Würde seiner Jahre: er ist Freund unter Freunden. Aber er ist auch ein Mann der Wissenschaft – so empfindet er die Verpflichtung, denen, die da kamen, um ihn zu ehren, auch etwas zu schenken, und da er ein Professor ist, tut er das, indem er ihnen ein Kolleg, ein kleines Publikum liest, wie man das früher nannte. Als alle in lebendigem Gespräch den Kampf gegen die Kältezufuhr mit wärmenden, weißen oder roten Getränken aufgenommen haben, bittet er um Gehör: Er möchte den Freunden etwas zeigen, was sie noch nicht gesehen haben – und was ihm irgendwie in diesen Abend Und in diesen Kreis zu passen scheint. Und dann winkt er, die Lichter erlöschen bis auf ein paar Kerzen, ein leises Surren hebt an – und an einer weißen freien Wand erscheint ein Film, den Carl Ramsauer selbst im Jahre 1937 bei der damaligen Sonnenfinsternis aufgenommen hat: ein Protuberanzenfilm.

Mancher wird denken: was haben diese komischen Explosionen über den Sonnenrand hinaus mit der winterlichen Gegenwart von heute zu tun? Was ist an ihnen, zu sehen, daß man sie filmt? Darauf ist zu sagen, daß da allerhand zu sehen – und vielleicht noch ein bißchen mehr zu denken ist, wenn da auf einmal, wie einst an der Wand Belsazars in Babylon das schwarze Halbrund der verfinsterten Sonne in der Größe eines mittleren Filmbildes sichtbar wird – und über diese dunkle Halbkugel steigt das geheimnisvolle Feuerwerk dieser Glutfontänen auf und enthüllt sein Leben! Man hat oft Photographien von Protuberanzen gesehen: hier erlebt man sie in ihrem bewegten Aufsteigen und Absinken. Man sitzt behaglich im Sessel, ein Glas vor sich; der kleine Filmapparat surrt leise – und an der Wand wachsen diese Zaubergebilde aus Glut und Licht und Geheimnis auf, beugen sich, neigen sich, langsam und schnell, so wie der Zeitraffer es zuläßt. Im abendlichen warmen Raum, unter abendlichen Gästen öffnet sich ein Blick in die leeren Raumabgründe der fernen Welt – und nie Gesehenes aus kosmisches Tiefen tut sich dem fast etwas erschrockenen Auge auf, Erinnerungen weckend, die wenig und viel zugleich mit dieser Festgabe eines großen Physikers an seine Gäste zu tun zu haben scheinen.

Wann war das doch, als ein anderer der großen: Physiker von heute einen ähnlichen hinreißenden Einblick auf das in dieser ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so ungeheuer veränderte Bild der Sternenwelt ebenfalls vor einer kleinen Schar von Freunden auftat? Ein heller Sommertag steigt auf – Werner Heisenberg hat die Mittwochsgesellschaft ins Harnackhaus gebeten. – zu seinem Jahresvortrag über die Frage „Was sind die Sterne?“ Es sind viele gekommen, ganze zehn Mann von uns: Ludwig Beck ist dabei, der Generaloberst Beck mit seinem großartig noblen Gesicht, das man damals zum letzten Male sah; denn der Vortrag fand genau eine Woche vor dem 20. Juli 1944 statt. Popitz sitzt neben Beck, Jens Jessen, den ebenfalls jener Schicksalstag hin wegraffte, ist auch gekommen, ebenso Ludwig Diels, damals noch Herr des Botanischen Gartens, und sogar Sauerbruch hat sich frei gemacht: er will auch wissen, was die Sterne sind.

Und Heisenberg erzählt. Er rekapituliert die Geschichte der Vorstellungen vom Wesen der Gestirne, so gut er’s kann: die notwendige Literatur ist selbst ihm nicht mehr zugänglich gewesen – im Jahre 1944. So kommt er, der Not gehorchend, bald auf die heutige Astrophysik – und die Gestirne verwandeln sich vor uns in glühende Gaskugeln, die hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium bestehen und in denen dauernd Wasserstoff zu Helium verbrannt wird. „Der maßgebende Prozeß für die Energielieferung auf den Gestirnen ist ein Atomkernprozeß“, sagt Heisenberg; „dieser Prozeß findet nach Untersuchungen von Weizsäcker und Bethe in der Weise statt, daß durch Anlagerung von Wasserstoffatomkernen aus Kohle Stickstoff und aus Stickstoff Sauerstoff entsteht, wonach sich der Sauerstoff wieder in Kohlenstoff und Helium spaltet.“

Man hört immer noch die ruhige Stimme des Vortragenden und fühlt zugleich wieder das ungeheuer Erregende, alle früheren Betrachtungen sacht historisch machende dieser damaligen Feststellungen. Ein Atomkernprozeß, klingt in der Erinnerung noch einmal die Stimme Heisenbergs; dann hört man plötzlich wieder das leise Surren des Vorführungsapparates, sitzt, statt 1944 in Dahlem, 1954 im abendlich winterlichen Grunewald und sieht im Film die Phänomene schwingen, die diese Atomkernprozesse auf unserem nächsten Stern erzeugen. Wie ein zierlicher Farn oder wie eine zarte ferne Palme steigt lautlos der leuchtende Strahl der Protuberanz empor, teilt sich, neigt sich langsam zur Rechten, sinkt in einer feinen, schönen Kurve wieder hinab; Leben der Sonne, aus Atomkernen gelöste und befreite Kraft, die gewichtlose Glut emporschleudert, Tausende von Kilometern weit in den Raum, bis sie zurückkehrt in den Glutschoß zum gleichen Kreislauf immer wieder erneuter Umwandlung einer wirklichen ewigen Wiederkehr.