Don’t call them natives, please“, hatte mich der englische District-Commissioner in Uganda gewarnt. „Sprechen Sie nicht von ‚Eingeborenen‘! Wir nennen sie ‚Afrikaner‘. Sie wünschen es so.“ – Sie wünschen es tatsächlich. Und nicht nur in Uganda. Besonders jene Generation der Schwarzen, die in der Stadt aufgewachsen ist, macht aus dem Wort „Eingeborener“ ein Tabu und verleiht dem Wort „Afrikaner“ eine Gloriole. Die Zeitungen in Afrika und die Zeitungen in Europa haben sich daran gewöhnt, diesen Ausdruck zu übernehmen. Aber was heißt das schon? Wir besitzen ein neues Etikett für eine alte Sache; weiter nichts.

Wir Europäer haben uns das Urteil stets zu leicht gemacht. Wir sahen in dem Schwarzen zuerst den Kannibalen, dann das Handelsobjekt, den Negersklaven, später den Boy und den Askari, dann den Hersteller exotischer Tanzmasken, den Schöpfer urwüchsiger Musikformen. Daß aber das schwarze Afrika in den letzten Jahrzehnten eine ungeheure Wandlung seiner Sozialstruktur durchgemacht hat, davon ist nur wenig in unser Bewußtsein gedrungen.

Als die Europäer zuerst an den unwirtlichen Küsten Afrikas landeten, Handelsstationen gründeten und Missionare schickten, fanden sie Stämme vor, die festgefügte, Kollektive waren. Einige große Gruppen besaßen Könige, kannten Klassenunterschiede zwischen Vornehmen, Bürgern und Sklaven; andere waren allein auf Sippe und Clan aufgebaut und wurden von Häuptlingen geführt, die angesehenen Familien entstammten, und dritte wieder hatten wohlgeordnete Anarchien, in denen ohne jedes Oberhaupt eine Gemeinschaft aller Erwachsenen nach den Gesetzen der Sitte, Tradition und der religiösen Vorstellungen regierte. So fest in sich gefügt diese Gemeinschaften waren, sie brachen zusammen, als die Europäer wissentlich und unwissentlich ihre Bausteine aushöhlten: die Tabus antasteten, die Häuptlinge durch gefügige Funktionäre ersetzten, fremde Gesetze brachten und die Lohntüte einführten.

Strandgut in den Städten

Gewiß, ein Teil der afrikanischen Bevölkerungen lebt auch heute noch in den überlieferten Formen: die Bauern und Hirten, die Jäger und Sammler. Aber ihre Bezirke sind nur noch Inseln in einer steigenden Flut. Fast ein Viertel der Bevölkerung Afrikas ist in die Städte abgewandert, in die Minenbezirke Katangas, Nordrhodesien und des Witwaterrands. Und die Bewohner der Centres excoutumières im Kongo, der Randsiedlungen von Bulawayo und Lusaka, der Slums von Johannesburg oder die Studenten von Fort Hare und die schwarzen Kaufleute in Lagos und Ibadan, sie alle sind im Begriff, ihre Ursprünge zu verleugnen und eine Zukunft zu bauen, deren Basis keine historische Voraussetzung hat. Dieser Vorgang, der in der Geschichte Afrikas ohnegleichen ist, spült manche Menschen als Strandgut in die Städte und macht sie zu einer gärenden Hefe im Sauerteig dieses Umsturzes. Andere aber finden zu neuen Formen. Sie kommen von den Missions- und Staatsschulen und von den Seminaren und Universitäten; sie kommen aus den Fabriken und Lagerhäusern, den Büros der großen Gesellschaften, den Kolonialverwaltungen, und sie finden sich zu Gemeinschaften zusammen, die nicht mehr durch Blutsverwandtschaft oder Tradition, nicht mehr durch Sitte oder den Geisterglauben der Ahnen zusammengehalten werden, sondern durch den gemeinsamen Bildungsgrad, das Beschäftigungsverhältnis, das Einkommen oder den gleichen Wohnbezirk. Sie gruppieren sich in Syndikaten (so in Dakar) oder in Gewerkschaften (so an der Goldküste) oder in Parteien (so in Kenya und Nigeria). Sie finden sich zusammen in Klubs, Bars und Tanzhallen, in Sportvereinen und Religionsgemeinden, und an die Stelle der Altersgruppen und geheimen Bünde sind pseudochristliche Sekten oder geheim operierende politische Banden getreten.

Auf den ersten Blick hat der europäische Besucher eine Fülle unentwirrbarer Eindrücke: Die évoloués – das sind die durch europäischen Einfluß geformten Schwarzen – schwanken zwischen einem ewigen Heimweh nach dem Alten und einer sich immer noch steigernden Sehnsucht nach den Kenntnissen und Künsten der Weißen. Sie fahren Taxi, aber sie spenden Opfer für die Fetische. Sie sind Arztgehilfen und setzen Penicillinspritzen, aber die leeren Injektionsampullen verkaufen sie als Talismane. Sie studieren Geschichte und Jura auf europäischen Universitäten, aber sie fordern zum Freiheitskrieg gegen weiße Ausbeutung und Unterdrückung auf. Sie werden Deputierte der Union Française und bezahlen weiße Sekretäre in ihren Büros; aber ehe sie gewählt wurden, mußten sie auf die bäuerlichen, heidnischen, geisterfürchtenden Teile der Bevölkerung Rücksicht nehmen. Kurz, es scheint, als hätte ein afrikanisches Tohuwabohu eingesetzt, dessen Vielgestaltigkeit nicht mehr einzuordnen ist. Und doch manifestieren sich in dieser Vielfalt deutlich genug die neuen sozialen Gruppen: Arbeiter, Bürger, Intellektuelle – sie sind die Schichten, mit denen wir in Zukunft zu rechnen haben.

Was denken die Schwarzen?