bl., Hannover

Während Bischof D. Dr. Dibelius, der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach der Berliner Konferenz seiner Kirche das Amt der tröstenden Seelsorge für die enttäuschte, zu 90 Prozent evangelische Bevölkerung Mitteldeutschlands auferlegte, hat der Schulkampf mit der katholischen Kirche in Niedersachsen bereits über das Land hinaus Wellen geschlagen. Am Sonntag wurde nun von den Kanzeln ein Hirtenbrief verlesen, den die Bischöfe von Hildesheim, Osnabrück, Münster und Paderborn gemeinsam verfaßt haben. Sie warnen darin vor einem „endlosen Kulturkampf“ und fordern zugleich die Katholikenausschüsse und katholischen Vereine „und alle, die den Ruf zur Tat in sich verspüren“, auf, in dieser Stunde zu überlegen, „was zu tun ist“.

Der Hirtenbrief führt aus, man sage einem großen Teil der niedersächsischen Staatsbürger den Kampf an, kündige ihnen Glaubens- und Gewissensfreiheit auf, spreche ihnen das elterliche Erziehungsrecht ab und drohe ganz ohne Scheu mit Zwangsmaßnahmen. In der „geplanten Zwangseinheitsschule“ sei es keineswegs gesichert, daß katholische Kinder von katholischen Lehrern unterrichtet würden. Sie könnten auch sehr wohl Atheisten und Dissidenten in die Hände fallen. Die Bekenntnisschule sei nur scheinbar zugelassen; es würden aber solche Hindernisse aufgetürmt, daß sie praktisch kaum irgendwo eingerichtet werden könnte. Der dem Landtag vorliegende Gesetzentwurf sei eine offene Bedrohung und ein unverhüllter Angriff auf alle Katholiken. Dieser Hirtenbrief wirft der Gesetzgebung vor, man sei offenbar bereit, lieber auf dem Gebiet von Schmutz und Schund Freiheiten zu gewähren, als in der Erziehung der Kinder zu religiös gefestigten Menschen. Er schließt mit der Aufforderung an die Katholiken: „Sagt es eindrucksvoll und überzeugend der Regierung und dem Landtag, wie es Euch ums Herz ist, was Ihr wollt. Je geordneter und geschlossener Eure Schlachtreihe ist, um so wirkungsvoller. Wir erkennen Euere Entschlossenheit, und wir vertrauen auf Euch.“

Nicht so unnachgiebig ist die Haltung der evangelischen Kirche; denn Landesbischof D. Dr. Lilje hat gerade noch in der letzten Woche einen eindeutigen Machtkampf um die Schulgesetzvorlage abgelehnt, weil eine kirchliche Machtpolitik nicht dem Gedanken der Reformation entspreche. Die Kirche müsse eine andere Macht als die der politischen Willensbildung einsetzen. Lilje interpretierte noch einmal den Beschluß der hannoverschen Landessynode vom Dezember 1953 und forderte vom Gesetzgeber die Erfüllung dreier Voraussetzungen: 1. Religion als ordentliches Schulfach, ohne daß ein Lehrer oder Schüler dazu gezwungen werden soll, 2. evangelische oder katholische Schulen, wenn genügend Lehrer vorhanden sind, ohne aber Zwergschulen zu billigen, 3. die Mitwirkung der Eltern in allen Schulfragen. Er legte dabei aber ausdrücklich den Akzent nicht auf das Elternrecht, sondern die Elternverantwortung, was evangelischem Denken mehr entspreche.