München, im Februar

Vielleicht hat eine Besorgnis vor Mißverständnissen Hans Schweikart bewogen, seine Inszenierung von Arthur Millers „Hexenjagd. gewissermaßen als Ansager in eigener Sache zu eröffnen. Er las ein paar die historischen Gegebenheiten erläuternde Stellen aus den Kommentaren vor, mit denen Miller selber seinen Text reichlich versehen hat. Fast schien er mit seinen Besorgnissen zu Anfang recht zu behalten. Es gab Lachen am falschen Ort und jene Unruhe, die eine aufkeimende Lust des Publikums zur Aufsässigkeit anzukündigen pflegt. Menschen, die von dem Vorhandensein von Hexen und Dämonen und ihrer verderblichen Wirksamkeit so fest überzeugt sind wie unsereiner von Bakterien und den verborgenen Gewalten des Atoms – wie denn? und wenn es zweieinhalb Jahrhunderte her sein soll und am Rande des amerikanischen Urwaldes unter Puritanern spielt? und ein Pastor gar, der aschgrau wird vor Angst, wenn im Zusammenhang mit seiner Tochter von Besessenheit auch nur geflüstert wird, und ein anderer, den die furchtbarste Besorgnis verstummen macht, weil er von lässigem Predigtbesuch oder dem vorläufigen Aufschub der Taufe erfahren muß – ließ es sich nicht an wie das Gebaren von halb Verrückten?

Aber dann ereignete sich wieder einmal das Wunder des Theaters. Auch wer es nicht wußte oder vergessen hatte, daß Hexenwahn und Hexenverfolgungen nicht nur eines der schaurigsten, sondern auch der umfangreichsten Kapitel der menschlichen Geistesgeschichte darstellen, er mußte sich durch die beschwörende Gewalt einer unvergleichlichen Ensembleleistung belehren lassen, daß hier seine eigene Sache verhandelt wurde. Jenes Kapitel hat schließlich nicht nur bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts gewährt und seinen Abschluß mit der Hinrichtung einer Hexe gefunden.

Was aber Millers Hexenjagd vor vielen Versuchen ähnlicher Art auszeichnet, ist die Gerechtigkeit, die er nach den Grundgesetzen des Dramas auch den Jägern zuteil werden läßt. Hexenrichter, man weiß es aus einer Literatur, die allzu häufig nur um des Schaurigen willen zusammengestellt wurde, das waren doch lauter krankhafte Bösewichter, nicht wahr? Aber diese Geistlichen hier, zumindest dieser grundredliche John Hale, sind zutiefst davon überzeugt, daß die Welt wieder einmal aus den Fugen ist, und leiden bitterlich mit den vermeintlichen Opfern des Gottseibeiuns, die sie selber vor das Gericht bringen mußten – bis zur endlichen Rebellion gegen das Verfahren. Und Herr Unterstatthalter Danforth, der oberste Gerichtsherr des Urwaldwinkels Salem, Massachusetts, den Erich Ponto beklemmend verkörperte: ein zartes Männlein, so sachlich wie nur möglich, jeglichem Einwand mit schier unerschöpflicher Geduld nach allerbester Juristenart erbötig, aber mit entsetzlicher Hurtigkeit ebenso gewachsen aus der Überfülle der Paragraphen in seinem grauen Haupt – mein Kind, säuselt er, und biegt seinem Opfer mit väterlicher Hand das Kinn in die von der Prozeßordnung jetzt einzig erlaubte Blickrichtung – und dennoch ist auch er kein Heuchler und kein Verbrecher. Er hockt so gut mit im Schmelztiegel – so hat Miller sein Stück genannt – wie die Angeklagten, die, Gott allein weiß warum, hineingeraten sollten; Unschuldige, um eines Wahnes willen um ihr einziges Leben gebracht von Menschen, die wir angesichts dieses Schauspiels aber doch nicht das Herz haben, einfach Schuldige zu nennen.

Es gibt Schurken auf der Bühne, denen man aus dem Parkett heraus an die Kehle springen möchte, um ihrer Untat noch im letzten Augenblick Einhalt zu gebieten. Aber hier rollte kein Verbrechen ab, keine simple Schurkerei, wenn man sich nicht an die Schinderknechte halten wollte, die ihre Gelegenheit noch in jedem Fall gewittert haben. Hier schlug die Geschichte der armen, ratlosen, sich selber peinigenden Menschheit den Schleier von ihrem rätselhaften Gesicht. Das war der Bann, dem die Zuschauer um so tiefer verfielen, je weiter der heillose Jammer auf der“-Bühne seinem heillosen Ende zugeführt wurde. Es gab keine Lacher und keine Huster mehr, nur einen Schlußbeifall von lange nicht mehr erlebter Inständigkeit, Endlich einmal und Gott sei Dank hörte man am Schlüsse die tief aufgewühlten Zuschauer sagen. Wofür denn Dank? Wir hatten uns wieder einmal selber zugesehen, und darin allein beruht die so viel umstrittene Wirkung der Bühne als moralische Anstalt. Unsichtbar auf der Bühne gab es ungezählte andere Mitwirkende. Ihre Namen stehen nicht nur in den Archiven unserer mittelalterlichen Städte, und ihre Liste scheint noch immer nicht abgeschlossen.

Anderswo scheint diese Hexenjagd nicht mit so einhelliger Erschütterung aufgenommen worden zu sein wie hier in München: dann sind es eben die Kammerspiele gewesen, die das Stück so gespielt haben, wie es einzig gespielt werden muß. Das darf man endlich wieder einmal ein Ruhmesblatt in der Geschichte dieser Bühne und des Theaters bei uns überhaupt genannt haben. Paul Alverdes

K. W., Berlin, im Februar