Neben der „großen“ Sozial-Enquete, die augenblicklichvon Bundes wegen allenthalben läuft, hat das Soziologsiche Seminar von Prof. Mackenroth in Kiel eine Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnisse nun vorliegen (Prof. Gerhard Mackenroth, „Die Verflechtung der Sozialleistungen“, Duncker & Humblot, Berlin). Bei dieser Stichprobe, die rund 8000 Fälle sozialer Leistungen durchleuchtet hat (alle Sozialempfänger im Stadtkreis Kiel mit dem Anfangsbuchstaben B), ging es darum, festzustellen, wie groß denn nun eigentlich die Zahl der Sozialrentner – genauer: der Empfänger wiederkehrender sozialer Leistungen aus öffentlichen Mitteln – ist, und in welchen Vermögensverhältnissen diese Personen leben.

Das Kieler Ergebnis hat den Beweis für die These erbracht, daß die „Doppelrenten“, also die Fälle, in denen jemand zwei oder mehr Sozialrenten bezieht (sogenannte Leistungskombinationen oder -kumulationen), in unserem System der sozialen Hilfe eine ganz große Rolle spielen: im Kieler Material entfielen genau 50 v. H. aller Leistungen auf Doppelrentner. Da mindestens zwei solcher kumulierenden Leistungen an eine Person erbracht werden, bezieht also ein Drittel der Empfänger die Hälfte aller Renten, in die andere Hälfte müssen sich zwei Drittel der Personen teilen: Leistungsfälle und -bezieher sind also klar zu unterscheiden.

Leider haben die in Kiel zur Verfügung stehenden Geldmittel nicht ausgereicht, um nun auch noch festzustellen, wie viele Sozialempfänger ein weiteres – anderes – Einkommen (Arbeitsverdienst, Betriebspension, Privatversicherung, Verwandtenhilfe, Nutzung von eigenem Haus- und Grundbesitz) beziehen; Prof. Mackenroth schätzt aber, daß rund die Hälfte – höchstens! – aller Sozialempfänger ihre Rente(n) als einziges Einkommen erhalten. Zu dem Drittel der Bezieher, die Rente plus Rente kombinieren, wird also mindestens ein Sechstel hinzuzuzählen sein, bei dem eine Sozialleistung mit einem anderen Einkommen zusammentrifft. 100 Sozialleistungen verteilen sich so etwa folgendermaßen:

35 Renten an 35 Bezieher ohne anderes Einkommen;

15 Renten an 15 Bezieher mit sonstigem Einkommen;

50 Renten an knapp 25 Bezieher von 2, auch 3 oder 4 Renten; 12 Bezieher haben wahrscheinlich noch sonstiges Einkommen.

Prof. Mackenroth glaubt, daß sich unter der ersten Gruppe – unter jener knappen Hälfte der Sozialempfänger, die neben ihrer Rente kein anderes Einkommen bezieht – „die eigentliche Armutsschicht unserer Sozialleistungsempfänger befindet“. Das ist sicherlich richtig; man muß sich aber darüber im klaren sein, daß die „zweite“ Rente des Doppelrentners in sehr vielen Fällen eine Fürsorgeunterstützung ist, die eine andere Sozialleistung nur bis zur Höhe der Fürsorgesätze ergänzt. Solche Doppelrentner sind kaum besser dran als „Einfachrentner“: in vielen Fallen sogar erheblich schlechter. Denn wo nur eine Leistung gezahlt wird, spricht zunächst einmal die Vermutung dafür, daß diese eine Leistung etwa ausreicht –, anderenfalls würde ja wohl die Hilfe der öffentlichen Fürsorge in Anspruch genommen werden.