Fedor Stepun, Honorarprofessor für russische Geistesgeschichte an der Universität München, eine der letzten großen Erscheinungen des alten Rußland, vollendete kürzlich das siebzigste Lebensjahr.

Wir sitzen Fedor Stepun in seiner Münchner Wohnung gegenüber. Ein mächtiger Mann. Auf breiten Schultern der weißhaarige Kopf eines Patriarchen, eines Bojaren altrussischen Stils und zugleich eines Gelehrten und Dichters. Der in Moskau geborene Russe litauischer Abkunft, der erst in seinem 38. Lebensjahr nach Deutschland kam, ist ein Meister der deutschen Sprache geworden und ein Meister der russischen Sprache geblieben. „Ein Satz“, sagt er, „muß wie ein Baum sein. Er muß wachsen, blühen und sich ausbreiten. Das freilich hängt von dem Atem ab, den sein Schöpfer hat. Nun – ich bin nicht kurzatmig.“

Der epische Strom seiner Sprache ist der Ausdruck seiner „breiten Natur“, wie man in Rußland – auch im gegenwärtigen – einen Menschen nennt, der in sich die Weite des Landes und die Fülle des Lebensgenusses vereinigt. Solch’ eine breite Natur braucht nicht klug oder begabt oder gar geistvoll und philosophisch zu sein. Wenn sie es ist, kommen Erscheinungen heraus; wie Stepun, die im Westen Europas nicht ihresgleichen finden.

Aber da sind wir schon beim Thema. „Rußland und Asien“ heißt der bedeutsamste der drei Vorträge, die Fedor Stepun dieser Tage in Hamburg hält. Dieser Vortrag ist eine Kampfansage gegen die Theorie, Rußland und Asien gehörten rassisch und kulturell zusammen – eine Theorie, von der Stepun sagt, daß sie Europa beherrsche, seitdem der Franzose Henry Martin in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts sie in seinem Buch „La Russie et ’Europe“ zum ersten Male aufstellte. Es war wieder ein Franzose, Henry Massis, der sie in seinem, in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts erschienenen Buch „Die Verteidigung des Abendlandes“ wieder aufnahm und ihr zu neuer Wirkung verhalf. Seitdem hat der Streit unter Historikern und Politikern, ob Rußland zu Asien und Europa gehöre, nicht aufgehört. Heute aber, da neben dem bolschewistischen Rußland ein bolschewistisches China entstand, ist die Frage von weltentscheidender Bedeutung geworden.

Was hat ein Mann wie Fedor Stepun dazu zu sagen, der schon in seiner Jugend an der engen Nachbarschaft des ganz patriarchalisch beherrschten Gutshofes und der vom Vater geleiteten Papierfabrik im Quellgebiet der russischen Flüsse und der russischen Staatswerdung die Unausweichlichkeit der sozialen Frage erkannte? Der an der Wende zum achten Jahrzehnt für einen amerikanischen Sammelband seiner Autobiographie den Titel fand „Mein Lebensweg zur christlich-konservativen Weltschau? Der als Reserve-Oberleutnant der sibirischen Schützen 1917 vom Arbeiter-, Soldaten- und Bauern-Rat dieser Elitetruppe nach Petersburg entsandt wurde und in der linksdemokratischen Regierung Kerenskij einen wichtigen-Posten einnahm? Der als „Offizier an der Kulturfront“ das „Theater der Revolution“ in Moskau aufbaute, bis er „wegen völligen Mißverstehens des proletarischen Theaters“ von Meyerhold abgesetzt und 1922 zusammen mit Berdjajew aus der Heimat ausgewiesen wurde? Was hat dieser Mann dazu zu sagen, der sich schon als Sechsundzwanzigjähriger in der von ihm begründeten viersprachigen Zeitschrift „Logos“ (sie erschien in Moskau, Tübingen und Florenz) und später in den „Annales Contemporaines (Paris) um die geistige Verbindung zwischen Rußland und dem Westen bemühte – ein Mann, den Hitler 1937 als „russischen Nationalisten“ und praktizierenden Christen von seinem Lehrstuhl in der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule Dresden entfernen ließ? Was hat dieser Grandseigneur des alten Rußland dazu zu sagen, der 1917 anfänglich „ein befreiendes Aufatmen“ verspürte, der sich völlig darüber im klaren ist, daß Rußland vom Bolschewismus „nicht aus der Luft geschwängert“ wurde, der als Emigrant nicht gewillt ist – wie die meisten seiner Schicksalgefährten – den „unausgetanzten Walzer der Erinnerung zu Ende zu tanzen“?

Die Antwort liegt in seinem Lebensweg beschlossen, den er mit großen ruhigen Pinselstrichen in seiner dreibändigen, 1950 abgeschlossenen Memoiren „Vergangenes und Unvergängliches“ gezeichnet hat. „Rußland“, so sagte er dem Besucher, ist Ost-Europa! Allerdings, ein verspätet entwickeltes Ost-Europa, dessen Eigenart man weder als glücklich noch unglücklich bezeichnen kann. Mit dieser Auffassung stellt sich Stepun ebenso entschieden gegen die These, daß Rußland ein Kontinent für sich, daß es Eurasien sei. Seine Analyse des Bolschewismus aber führt zu der Erkenntnis, daß das rote Moskau, getreu der Leninformel von der Vereinigung der nationalen und proletarischen Revolution in den ehemaligen Kolonialländern, bestrebt ist, Asien „zu erwecken und kommunistisch zu ma. chen“, ... um schließlich auf dem Umwege über Asien Europa und das Abendland zu gewinnen.

Hat Molotow als außenpolitischer Vollstrecker der unabgewandelten „marxistisch-leninistisch- stalinistischen“ Dogmatik sich auf der Berliner Konferenz von dieser „Dialektik“ leiten lassen? Stepun hat der Konferenz schon bei ihrem Beginn ein resultatloses Ende prophezeit. Weil „eine Wiedervereinigung Deutschlands auf demokratischer Basis nur möglich wäre, wenn Moskau sich zunehmend schwächer fühlen würde. Das aber ist leider nicht der Fall...“

Der Siebzigjährige sollte immer und überall gehört werden, wo man sich mit dem Problem unserer Zeit, mit Rußland, beschäftigt. Möge es seiner vitalen Kraft, deren Wesen gleichermaßen durch Ruhe und Rastlosigkeit gekennzeichnet ist, vergönnt sein, von seinen zahlreichen Plänen vor allem die beiden bedeutsamsten, eine „Soziologie der russischen Revolution“ und eine „Analyse der Gegenwart“ zu vollenden, um sich dann – „man kehrt immer zu seinen Anfängen zurück“ – der Philosophie vom „Leben und dem schöpferischen Akt“ (die erste Studie erschien 1932 in Berlin) widmen zu können. Gerhard Thimm