II. Fühlen sich die deutschen Juden wieder zu Hause?

Von Georg Berkenhoff

Mit der heutigen Fortsetzung beenden wir unseren Bericht über das deutsche Judentum. In der vorigen Ausgabe der ZEIT schilderte der Verfasser Georg Berkenhoff, wie die Lage der Juden viel weniger von ihrer rassischen Zugehörigkeit als vielmehr durch ihre individuellen Eigenschaften bestimmt wird. Er erklärte dann, wie Gedankenlosigkeit auf der einen Seite und Überempfindlichkeit auf der anderen es verhindern, daß die letzten psychologischen Barrieren beseitigt werden, und er gab einen Überblick über den Anteil der Juden an der deutschen Gesamtbevölkerung und die Stärke ihrer Kultusgemeinden.

Die jüdische Auswanderungsbewegung scheint im ganzen abgeschlossen zu sein. Nur von den noch im Bundesgebiet befindlichen zugewanderten Ostjuden, die fast ausnahmslos der mosaischen Glaubensgemeinschaft angehören, gedenken noch viele, Deutschland wieder zu verlassen. „Es scheint sich sogar“, äußerte ein kürzlich verstorbener jüdischer Schriftsteller, „in den Kreisen der nationalen Juden aus dem alten CV (Centraiverband der Juden in Deutschland) eine stärker werdende Rückwanderungstendenz anzubahnen. Aber nur unter den älteren, die vor 1933 vor allem in Preußen und Berlin in geachteten, meist akademischen Stellen wirkten.“

Außerhalb Deutschlands leben mindestens 400 000 deutsche Juden. Viele von ihnen stehen mit Freunden in der Bundesrepublik in Verbindung. Zurückkehren aber wollen sie nicht, weil sie durch ihren Beruf oder ihre im Ausland verwurzelten Kinder in der neuen Heimat festgehalten werden. Die Kinder, im Ausland aufgewachsen, sprechen schon nicht mehr die deutsche Sprache und haben kaum noch Bindungen an das Vaterland ihrer Eltern.

Für die jüdische Bevölkerungsbewegung von größerer Bedeutung als Aus- oder Zuwanderung ist der „Assimilationsprozeß“: das Aufgehen in der nichtjüdischen Bevölkerung. Schon heute lebt in Berlin der größte Teil auch der Glaubensjuden in „religiösen Mischehen“; etwa die Hälfte der mosaischen Junggesellen heiraten Christinnen, da heiratsfähige jüdische Mädchen kaum noch vorhanden sind. Es ist jedoch durchaus keine Seltenheit, daß die christlichen Frauen dann zum mosaischen Glauben übertreten.

Vorwiegend Mischehen