Wenn Molotow in Berlin auch nicht erreichte, daß sich die Regierungen von Bonn undPankow an einen Tisch setzten, so ist es doch ein gewisser Erfolg seiner Taktik, daß auf einzelnen Lebensgebieten ein „Austausch“ zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetzone organisiert werden soll. In Westberlin, wo man aus guten Gründen schärfere Ohren und sensiblere Organe für dergleichen Unternehmungen hat, als irgendwo sonst im Westen, ist dieser Plan bereits auf ziemlich energische Abwehr gestoßen, zumal hinsichtlich des „Kulturaustausches“. In der Tat ist hier wohl der weichste Punkt für Infiltrationsbestrebungen zu suchen. „Kultur“ erscheint den Durchschnittsköpfen aller Zonen, besonders den auf ihren Realismus stolzen Praktikern der Politik, zumeist als ein harmloses Feld, auf dem nicht viel ernsthafter Schaden angerichtet werden könne. Blicken wir aber auf unser tausendjähriges Reich zurück, so sollten wir nicht verkennen, wie sehr es zur Popularisierung der damaligen „Führerschicht“ beigetragen hat, daß sie in Dingen des Geisteslebens, insbesondere der Kunst, zugleich als Repräsentant wie als Exekutivmacht des spießbürgerlichen Geschmacks gegen alle die Masse ärgernden Regungen wirklich schöpferischer Kräfte auftrat, als freudig begrüßter Kämpfer der Quantität gegen die Qualität. Die gleiche – nur allzu richtige – psychologische Berechnung liegt auch der sowjetisch gelenkten Kunstpolitik zugrunde. Das gilt sogar, wenn man völlig absieht von der rein politischen Tendenz der Thematik, an welche die Kunst des Ostens heute gebunden ist.

Wir haben bereits erlebt, daß bei einem früheren Versuch, die Zonengrenzen für einen Kunstaustausch zu lockern, von den Werken westlicher Künstler im Osten alles ausgeschaltet wurde, was die sowjetzonalen Betrachter hätte irritieren können. Wir haben andererseits erlebt, daß beispielsweise sowjetzonale Dirigenten und Orchester im Bundesgebiet Werke zu Gehör brachten, die „drüben“ verpönt sind – wir sollten uns überzeugen, daß es dort keine tendenziöser Beschränkungen gibt. Nach diesen Vorgängen läßt sich leicht vorhersehen, welche Verwirrung ein derartiger „Austausch“ stiften kann. Daß es vom Osten her gerade darauf abgesehen ist, dürfte wohl keinem Zweifel unterliegen. W–h