b. y., Karlsruhe

Stadtoberschulrat Haug hat im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung gewissermaßen auf eigene Faust mit einer Schulreform begonnen. Die ständige Konferenz der Kultusminister will sich die Karlsruher Erfahrungen zu eigen machen und diese Form des Volksschulaufbaues für die gesamte Bundesrepublik befürworten. Es handelt sich dabei um einen organischen Aufbau, der mit der 5. Klasse beginnt und über eine Mittel- und Oberstufe mit einem 10. Volksschuljahr endet. Der Abschluß der 10. Klasse soll dem Kenntnisstand der mittleren Reifeprüfung entsprechen.

Wie auch in einigen anderen Ländern, hat die Volksschule in Baden seit Jahrzehnten keine grundlegende Neugestaltung mehr erfahren. Bei der umfassenden Umformung des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens nach zwei Weltkriegen ist die Grundschule auf ihrem Stand von Anno dazumal stehengeblieben. Um das Bildungsziel den heutigen Erfordernissen anzupassen, führte man bei den Karlsruher Volksschulen zunächst einmal Sprachklassen ein. Nach einigem Experimentieren ist man seit einem Jahr dazu übergegangen, für alle Volksschulklassen der Mittel- und Oberstufe wöchentlich vier zusätzliche Unterrichtsstunden einzuführen. Je nach Talent und Neigung können sich die Schüler für die Sprach- oder für die sogenannte Werkabteilung entscheiden, die Deutsch, ein Realfach und Werkunterricht umfaßt. Dort, wo die Fähigkeiten nicht ausreichen, kommen die vier zusätzlichen Stunden in einer Förderabteilung den „schwachen“ Schülern zugute. Dabei bleiben alle Schüler in ihrem Klassen verband und trennen sich lediglich zum Unterricht in den verschiedenen Abteilungen. Dadurch wurde erreicht, daß das Mehr an Unterricht nicht nur den Begabten, sondern allen Schülern zugute kommt. Der freiwillige Besuch eines 9. und 10. Schuljahres vertieft durch einen erweiterten Lehr- und Stoffplan die Allgemeinbildung. Hier werden die Gebiete behandelt, die sonst der Mittelschule vorbehalten sind, nämlich Physik, Mathematik, Chemie sowie Kurzschrift und Schreibmaschinenschreiben. Den Absolventen der zehnklassigen Volksschule stehen ganz neue Berufsmöglichkeiten offen. Sie haben die Gelegenheit, gehobene Laufbahnen in Wirtschaft und Verwaltung einzuschlagen oder ohne Schwierigkeiten auf Fachschulen überzugehen.

Die Erfahrungen mit dem „Karlsruher Schulsystem“ werden auch von Wirtschaft und Industrie mit großem Interesse verfolgt. Dort wird eine abgeschlossene Volksschulbildung mehr geschätzt als eine abgebrochene Schulzeit an einer höheren Lehranstalt. „Auf dem Fundament der ersten vier Volksschulklassen wollen wir die Auf bauklassen einrichten, um aus der Volksschule eine wirkliche Schule des Volkes zu machen“, betont Stadtoberschulrat Haug, der Initiator dieses Systems. Mit der Aufbauschule will er nicht nur den starken Zulauf zu den höheren Schulen drosseln, wo doch nur 5 bis 10 Prozent aller Schüler zur Reifeprüfung gelangen, sondern er hofft auch, den akademischen Lehrer für die Volksschule interessieren zu können.