Das Bücherschreiben hat sich zumindest seit dem Ende des zweiten Weltkrieges dem Tempo der Zeit angepaßt. Kaum, daß Hillary und der Sherpa Tensing den Mount Everest bezwangen, kann man auch schon ein Buch lesen, das die Geschichte der menschlichen Anstürme auf den höchsten Berg der Welt erzählt:

W. H. Murray: „Das Buch vom Everest.“ Die Geschichte seiner Besteigung 1921–1953. (Nymphenburger Verlagshandlung. München. Deutsch von Rickmer Rickmers. 212 S.)

Seit hundert Jahren etwa weiß man, daß dieser Berg, den die Tibetaner Chomolungma Göttinmutter der Welt oder Fürstin Kuh – nennen, der höchste der Welt ist. Seit rund sechzig Jahren will man ihn erobern. Seit dreißig Jahren ringt man um ihn. Und wie man um ihn gerungen hat, mit welcher Ausdauer, Geduld und Zähigkeit, mit welchem Fanatismus, das macht dieses Buch eindrucksvoll deutlich.

Am 9. Dezember 1920 erteilt der Dalai Lama einer Gruppe von Forschern und Entdeckern die Einwilligung zur Einreise in das Everest-Gebiet. Die Eingangsworte des Passes, auf braunem Pergament geschrieben, lauten: „Im Westen der Fünf Schatzkammern des Großen Schnees, im Hoheitsgebiet der Weißen Glas-Festung beim Inneren Kloster des Felsentales, liegt das Vogelland des Südens ...“

Murray erzählt von den ersten tastenden Versuchen, die nur dem Zweck dienen, die Zugänge zum Berg zu erkunden. Wie man zunächst sorgfältig die geeigneten Bergsteiger auswählt, wie man die ersten Schwierigkeiten, die von Mal zu Mal wachsen werden, zu überwinden hat, wie man dann unsäglichen, übermenschlichen Hindernissen trotzen muß, den Stürmen, dem Frost, den heimtückischen Gletschern, dem Mangel an Sauerstoff –, um nur einige zu nennen.

Wie man es aber immer wieder versucht, sich durch nichts entmutigen läßt, jedesmal etwas weiterkommt, jeder Versuch neue Erkenntnisse bringt, jeder Erfolg verheißt und jeder, bis auf den letzten, scheitert, weil man sich im Wetter, in den Schneeverhältnissen irrt oder sich in den Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit verschätzt –, das wird hier sachkundig, lebendig, anschaulich und ganz unpathetisch beschrieben. Man spürt: Dieses Buch schrieb ein Bergsteiger, und ein englischer Bergsteiger obendrein. Darum entfällt jede Glorifizierung, jede Dramatisierung eines Unternehmens, das seine Dramatik in sich trägt; es wird eher „unter-“ als „über“trieben, der sportliche, abenteuerliche und wissenschaftliche Charakter des Kampfes in den Vordergrund gestellt; die Belagerung des Everest und seine Eroberung weder zu einer patriotischen Tat erhoben noch symbolisiert. Wohltuend hebt sich so Murrays Bericht von dem unwürdigen Rummel ab, den wir aus den sensationell gefärbten Reportagen der Illustrierten kennen. Dieses Buch – ergänzt durch siebzehn Fotos und fünf Übersichtskarten – ist die Chronik einer großen Tat, die wir vielleicht gerade deswegen bewundern, weil sie – das ist selten in unseren Tagen – keinem greifbaren Zweck dient. „Denn“, so schließt Murray, „Streben, Forschen und Entdecken ist unser aller Sehnsucht und Bestimmung“.

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