Da man an den Börsen das Ergebnis der Berliner Konferenz bereits eskompiert hatte, gab es von dieser Seite keine Überraschungen. Daß man früher einmal optimistischer war, zeigte sich lediglich in der deutlichen Vernachlässigung der ostinteressierten Papiere, aber auch in einer stärkeren Zurückhaltung des Auslandes. Nach Tagen vorsichtigen Abtastens setzte sich, von den Montanen ausgehend, gegen Schluß der vergangenen Börsenwoche eine freundlichere Beurteilung der Märkte durch, die die teilweise eingetretenen Verluste wieder ausglich. Zu Wochenbeginn kam es sogar bei den Montanen zu einer Hausse-Bewegung.

Sieht man bei den Eisen- und Stahlwerken von den aus den neuerlichen EVG-Diskussionen stammenden Anregungen ab, weil sie nach Lage der Dinge noch mit vielen Fragezeichen zu versehen sind, dann bleibt immer noch die Erklärung der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl, daß sich die Auftragslage der Schwerindustrie gebessert hat und die Lagerbestände geschrumpft sind. In Edelstahl und Röhren sollen sich die Verhältnisse bereits weitgehend stabilisiert haben. Wenn sich der Montanmarkt trotz dieser positiven Momente immer noch nicht der früheren Zuneigung des Publikums wieder erfreut, dann liegt es an der durch die Entflechtung entstandenen Unübersichtlichkeit, zu deren Durchdringung schon überdurchschnittliches Fachwissen erforderlich ist. Das Auge muß sich erst an die vielen Nachfolgegesellschaften an den Kurstafeln gewöhnen. Anerkannter Montan-Favorit ist gegenwärtig Mannesmann. Hier sind 7 1/2 v. H. Dividende sicher. Wer die Mühe und Kosten des Umtausches bei den Aktien der Ver. Stahlwerke nicht scheute, nahm die Gelegenheit des zurückgebliebenen Kurses wahr und stieg noch zu einem Preis ein, bei dem Gewinne mit ziemlicher Sicherheit kassiert werden können. Inzwischen haben die Stahlvereins-Aktien die 238-V.-H.-Grenze überschritten.

Die IG – Farben-Gruppe war vorübergehend vernachlässigt. Das galt insbesondere für die Liquidationsanteilscheine, die in sich den Ostanspruch verkörpern. Da man diesen Anspruch zunächst einmal auf Eis legen muß, tröstete man sich mit der in diesem Sommer zu erwartenden Hauptversammlung der Liquidationsanteilschein-Besitzer, denen bei dieser Gelegenheit eine Übersicht über die Fortschritte der Entflechtung und über die restlichen Vermögenswerte des IG-Farben-Konzerns gegeben werden soll. Da man hierüber noch im Dunklen tappt, ist der Spekulation ein weites Feld gegeben, das sie augenscheinlich bis an seine Grenzen auszunutzen gewillt ist. Die Umsätze sprechen jedenfalls ein beredtes Bild. Bemerkenswert freundlich waren unter den IG-Nachfolgern die Cassella-Aktien, wo Arrondierungskäufe zu vermuten sind.

Der Bankenmarkt war weiterhin fest. Hier zeichnet sich die Anhebung des Dividendenniveaus am sichtbarsten ab. Die Institute sind sich ihrer Verpflichtung, Vorbild sein zu müssen, durchaus bewußt; sie lassen an ihrer Renditenpolitik keinen Zweifel mehr. Nicht nur die Großbanken und ihre Nachfolger wurden laufend heraufgesetzt, daneben kamen auch die Realkreditinstitute und Regionalbanken weiter voran: Dt. Hypothek. Bank Bremen 26–33 1/2, Hypothekenbank in Hamburg 102–105 1/2, Oldenburgische Landesbank 52–58, Rhein. Hypothekenbank 97–104 v. H. Neben der relativ guten Verzinsung lockt die Möglichkeit eines Bezugsrechtes, nämlich dann, wenn die Banken zu der längst fälligen Verbreiterung ihrer Eigenkapitalbasis schreiten.

Die Elektro-Papiere litten unter den Abgaben, die von ausländischer Seite vorgenommen wurden. Die zeitweilige Vernachlässigung der Kaliwerke führt man auf die im Londoner Abkommen übernommenen erheblichen Rückzahlungsverpflichtungen zurück. Textil-, Kunstfaser-und Zellstoffpapiere tendierten uneinheitlich. Phrix-Aktien sind angeboten. Offenbar verspricht man sich von der nunmehr für April angekündigten aoHV nicht viel Gutes. Auch die HV der Hansa-Mühle AG, Hamburg (Großaktionär Neußer Ölwerke), wird den Aktionären kaum etwas Erfreuliches bringen. Ein neuer Verlust (Geschäftsjahr 1952) hat die Aussichten auf Dividenden auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben; der Kurs fiel auf 56 v. H. zurück. Rätselraten gibt es nach wie vor um die

HEW-Dividende. Nach unseren Informationen wird die längst fällige oHV, die über das Geschäftsjahr 1952/53 zu beschließen hat, nicht vor Mitte bis Ende April stattfinden. 4 oder 5 v. H. ist hier die Frage, auf mehr wagt niemand zu hoffen. Laufende Nachfrage bestand für Brauereien, allerdings war Material trotz erhöhter Geldkurse nicht zu haben.

Die Tatsache, daß Daimler trotz erhöhter Dividendenerwartungen den Kurs nicht halten konnten, gab Anlaß zu verschiedenen Kombinationen. So nimmt man an, daß potente Kreise des Ruhrgebiets sich für ein größeres Paket interessieren und deshalb bemüht sind, den Kurs nicht über eine bestimmte Grenze hinauskommen zu lassen, darunter jedoch jeden Posten aufnehmen. Ford konnten von 95 1/2 auf 99 v. H. avancieren.

Am Rentenmarkt haben sich die Reichsschatzanweisungen wieder leicht befestigen können (4,20 G, 4,30 B), ein Zeichen dafür, daß sich die Hoffnungen auf eine befriedigende Umstellung verstärkt haben. Die Steinkohlen- und Elektrizitäts AG, Essen, hat ihre 5-v.-H.-Anleihe von 1939 zur Rückzahlung am 2. Mai 1954 gekündigt. Durch die in letzter Zeit verschiedentlich erfolgten Kündigungen von RM-Industrie-Obligationen bleibt dieser Markt angeregt. In Aussicht steht eine neue Bayerische Staatsanleihe in Höhe von 200 Mill. DM, die mit einem Zinsfuß von 7 1/2 v. H. ausgestattet werden soll. Laufzeit 14 Jahre, Ausgabekurs 97 1/2 v. H., Rückzahlungskurs 103 v. H. -ndt