Der bayerische Finanzminister strebt offenbar den Ruf eines rücksichtslosen, dafür aber erfolgreichen Finanziers an. Daß dies einen Staatsminister nur wenig ziert, geniert ihn offenbar nicht, zumal seine erste Bayernanleihe, wenn auch verspätet, ihm doch noch Anerkennung eingebracht hat. Das allerdings war ein reiner Zufall, der nur darauf zurückzuführen ist, daß man das Kapitalmarktförderungsgesetz vor einem Jahr falsch konstruierte. Man sollte deshalb in München nicht allzusehr darauf bauen, daß sich dies noch einmal wiederholen werde. Es scheint jedoch, als ob man an der Isar anderer Meinung ist. Dort will man nämlich eine zweite 7 1/2%ige Bayernanleihe in Höhe von 150 Mill. DM zum Ausgabekurs von 97,5 v. H. (rückzahlbar nach spätestens 15 Jahren zu 103 v. H.) auflegen. Diese Anleihe vereinigt damit in sich alle finanziellen Anreize der Industrieobligationen und die natürlichen Vorzüge einer Staatsanleihe, Mündelsicherheit und Lombardfähigkeit.

Es ist offensichtlich, daß mit einer solchermaßen doppelt begünstigten Anleihe der Kapitalmarkt abgeschöpft werden und die Industrie – zumal andere Länder folgen dürften – wieder einmal das Nachsehen haben wird. Die Länderfinanzminister haben es offenbar völlig vergessen, daß es nicht ihre Aufgabe sein kann, die natürliche Vorrangstellung des Staates gegenüber der Wirtschaft auszuspielen, sondern daß es zu ihren wichtigsten Pflichten gehört, den Kapitalmarkt im Interesse aller Reflektanten, also der Privatwirtschaft und des Staates, zu pflegen. Wäre eine solche Auffassung wieder fest genug in den Länderregierungen verankert, so würden sie, zumal ihre Kassen ausreichend gut dotiert sind, zuerst einmal ihre eigenen Mittel in Anspruch nehmen, um die sicherlich notwendig werdenden Investitionen der öffentlichen Hand vorwärtszutreiben. Wenn die Kassen leer sind, ist dann immer noch Zeit, an den Kapitalmarkt heranzutreten. Von dem guten Grundsatz, Geld erst aufzunehmen, wenn man es braucht, und zwar auch dann nur in der unbedingt notwendigen Höhe, will man offenbar nichts mehr wissen. Man hält sich heute für sehr tüchtig, wenn man etwas für sich gewinnen kann, was der andere nicht hat – und seien es auch nur Schulden. Rlb