Humor ist eine Art von Weisheit – Ein Rheinländer analysiert seine Landsleute

Von Hans Schmitt-Rost

Sobald der Karneval beginnt, wird Köln noch lebendiger, als es ohnehin schon ist. In diesen Tagen wird die tolle Ausgelassenheit ihren Höhepunkt erreichen. Das scheint uns der richtige Augenblick zu sein, um den folgenden Beitrag zu veröffentlichen. Er zeigt, daß Köln nicht nur die Stadt des Karnevals ist.

Sogenannte „Wahrzeichen“, mit denen die Fremdenindustrie Städte und Landschaften anzupreisen pflegt, haben oft etwas Fragwürdiges. Das Städtchen mit der ragenden Burg erweist sich, bei Licht besehen, als langweiliges Industrienest. Auch der Kölner Dom ist natürlich eine Photographierschönheit. Aber für Köln ist er doch unvergleichlich viel mehr. Er ist tatsächlich der Mittelpunkt der Stadt, im äußeren und im inneren Leben. Das bestreiten weder Christen noch Juden und Heiden. Mit ihm ist nämlich etwas Merkwürdiges vorgegangen. Seitdem die in eine menschenleere Landschaft aus Trümmern und Geröll während des Sommers 1945 zurückkehrenden Kölner ihren Dom ziemlich unversehrt vorfanden, ist er zum zentralen Ereignis der Nachkriegsjahre geworden. Man fand im unversehrt gebliebenen Dom etwas wie Selbstbestätigung und Ermunterung.

Als der Spuk vorbei war

Der Rheinländer hatte die grauen Nazijahre wie einen Schicksalsschlag empfunden, der vorübergehen würde, nicht wie einen endgültigen Umsturz. Nirgends, außer in Berlin, ist der Ewigkeitsanspruch und das Pathos Hitlers in Witzen stärker verhöhnt worden als in Köln. Nun war der Spuk vorbei. Köln war zerstört, aber der Dom stand noch, zwar sehr ramponiert, aber er stand. Das war wie eine geheime Botschaft, ein Wink aus der Transzendenz. Daß dies Gefühl nicht pharisäisch war, dafür sorgte die dann folgende jahrelange Not.

Die heitere Gelassenheit des Rheinländers ist im Grunde genommen nichts anderes als das Vertrauen, das er in das Leben setzt. Die Stadt hat in ihrer Geschichte nicht nur Untergang erlebt. Immer wieder entstand sie neu. Das weiß der Kölner in seiner Heimatliebe. Auch hat die Heiterkeit etwas mit Religion zu tun –: mit einer gewissen Demut, daß es dem Menschen ansteht, sich nach der Decke zu strecken und Geduld zu üben. Der Humor des Kölners ist eine Art Weisheit. Man darf ihn nicht mit Karneval verwechseln. Karneval ist ein Zweig am Baum kölnischen Wesens, nicht der Stamm. Der Dom aber steht aufrecht.