Von Erika Müller

Ein Film, der in diesen Tagen der gescheiterten Konferenz die Berliner zum Lachen bringt, verdient Lob. Wie lustig, es sind seit Charlie Chaplins Stummfilm „Goldrausch“ immer noch dieselben komischen Tricks, die das Publikum erfreuen. Wie in „Goldrausch“ das Haus in der Eiswüste halb über dem Abgrund hing und Charlie es durch angstvolles unbedachtes Auf- und Abgehen im Zimmer mehrfach fast zum Überkippen bringt, so sieht man diesmal, wie eine stattliche Villa zersägt und in zwei Teilen von einem Stadtteil von Los Angeles nachts durch die Straßen in eine andere Gegend transportiert und wieder zusammengefügt wird. Der Jubel ist um so größer, weil diese Bilder die Wirklichkeit aus der amerikanischen Alltagspraxis wiedergeben. Hans Domnick, der den Reportagefilm „Der goldene Garten“ (Marmorhaus, Berlin) in Kalifornien drehte, hatte Humor und Blick für die sonderbaren und oft heiteren Taten der Menschen. Er hat die farbigen Bilder seiner Beobachtungen in einem abendfüllenden Film zusammengetragen, doch ist er leider mit einiger europäischen Voreingenommenheit gereist. So erfährt der Betrachter vor allem, was er ohnehin schon weiß: USA, also Autos über Autos, nicht zu vergessen das Superauto von morgen (die ans interessanten Blickwinkeln gemachten Aufnahmen von den riesigen Parkplätzen mit den bunten Wagen, die die Landschaft zudecken und die Häuser verdrängen, sind schön, nur ermüdend häufig). Auch die Behauptung, in Los Angeles gäbe es keine Fußgänger, ist allzu kühn, besonders wenn man an das gewaltige Geschäftszentrum downtown denkt. Los Angeles –: also Rodeo, Cowboys, Girls (aber für diejenigen, die darauf hoffen, fast nichts aus Hollywood), Trailer Camps, Motels und Supermarkets. Kalifornien –: also einige Plätze mit drei Sternen im Reiseführer: Koloradofluß und Hooverdamm, der Yosemite-Nationalpark mit den alten Sequoien, die berühmte Golden-Gate-Brücke in San Franzisko, Chinatown und natürlich die kuriose Kabel-Straßenbahn – doch alles allzu flüchtig. Kein Bild vom Mt. Palomar mit der überwältigend großen silbernen Kuppel des Observatoriums, die sich über dem größten Hohlspiegel der Welt wölbt. Kein Bild von der bedeutenden modernen Architektur in diesem Land, kein Zeichen von alten Bauten und Skulpturen in manchen spanisch-mexikanischen Missionen zwischen San Diego und San Franzisko. Und vor allem keine Bilder von eben dem goldenen Garten, diesem Wunderwerk menschlicher Energie, der es gelang, eine Wüste in ein fruchtstrotzendes Paradies zu verwandeln. Wer Kalifornien kennt, ist etwas enttäuscht, und wer es nicht kennt, erhält kein ganz richtiges Bild. Der Film wurde als etwas formal Neues, nämlich als Reportagefilm angekündigt, aber das hieße den umstrittenen Begriff der Reportage weiter im Niveau senken, wenn man darin mehr die Zivilisation und Unkultur als die Kultur zeigen will, wie es der Kulturfilm anstrebte. Welche künstlerischen Möglichkeiten hätte zum Beispiel Flaherty, der Schöpfer der „Louisiana-Legende“ in der Photographie der elefantenhaft nickenden Pumpen auf den riesigen Ölfeldern in der Nähe von Los Angeles gesehen. Diese „kalifornischen Impressionen“ sind der Bericht eines allzu eiligen Reisenden, der hinter die Geheimnisse nicht gekommen ist und vom Wesen der Menschen dieses Landes nur wenig erfahren hat oder jedenfalls wenig mitteilt.

Aber das, was in Form einer erweiterten Wochenschau gezeigt wird, ist zum Vergnügen des Publikums voll Umsicht und Humor zusammengestellt und von Wolf gang Zeller mit musikalischem Witz und von Heinz Kuntze Just mit einem forschen, sehr geschickt pointierten Text versehen, der in der Parodie einer Sportreportage beim Todesrennen klappriger alter Autos die größten Lacherfolge hat. Den Sprecher freilich hätte man sich anmutiger erzählend gewünscht und nicht so laut und mit teils hartem, teils seelenvollem Pathos.

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Als ich am nächsten Tag mit einem amerikanischen Journalisten durch Westberlin fuhr und wir die Stadt neu entdecken wollten, die das Verkehrsamt in vielen guten Plakaten – mit einem weiblichen Globetrotter im grünen Tiergarten und der Unterschrift „Berlin ist schon eine Reise wert“, mit einer trotz des traurigen Endes der Konferenz noch schwingenden Freiheitsglocke auf blauem Grund und der Unterschrift „Berlin ruft die Welt – Berlin is calling the World“ – so rührig und rührend als Touristenstadt (Berlin – Treffpunkt der Welt!) anpreist, wurde ich unruhig, da seine Filmkamera zu arbeiten begann. Wir fuhren viele Kilometer lang durch tote Trümmerstraßen, Ruinen, leere Fassaden, aufgeschichtete Steine rechts und links. Ich hörte schon die Stimme eines amerikanischen Sprechers: „In Berlin gibt es keine Autos und keine Fußgänger.“ Womöglich werden in diesem abendfüllenden Reportagefilm die Damenringkämpfe eine Hauptrolle spielen oder der Leierkastenmann, der winkende Pappcowboy am Kurfürstendamm, der in den „Goldenen Garten“ locken soll, oder der Sektabend, mit dem die Welturaufführung eines Films von Damen und Herren in großer Toilette gefeiert wurde. Aber der Amerikaner, der schon die Flüchtlingslager und die neu erbauten Vorstädte besichtigt hatte, der eine westöstliche Hochzeit an der Zonengrenze miterlebt und das nur in Berlin denkbare und in Berlin so akute Programm „Nein oder nicht Nein, das ist hier die Frage“ des „Kabaretts der Stachelschweine“ studiert hatte, sprach mit solcher Sachkenntnis von Berlin und mit solcher Wärme von den Berlinern, daß ich später beruhigt aus dem Auto ausstieg...

In südliche Meere und auf südliche Inseln wird der Betrachter aus dem Kinosessel in dem englischen Dokumentarfilm „Eine Königin reist um die Welt“ geführt (der in mehreren Städten der Bundesrepublik angelaufen ist). Dieser Farbstreifen von der Weltreise der englischen Herrscherin vermittelt uns mit herrlichen Bildern das präzise Erlebnis des Reisens in seinen verschiedenen Arten: im Flugzeug, zu Schiff, im Expreß, mit der Lokalbahn und im Auto. Und er ist zugleich ein Märchenfilm wie „Eine Königin wird gekrönt“. Wieder winkt die anmutige Königin huldvoll aus ihrem Fahrzeug, nur, daß es diesmal keine Karosse aus purem Golde, sondern manchmal ein Jeep ist. Wieder hat sie ihr schweres, edelsteinübersätes Krönungskleid angezogen, in dem sie nur mühsam schreiten kann. Sie eröffnet das Parlament in der Hauptstadt von Neuseeland, sie schlägt mit einem im Scheinwerferlicht blitzenden Schwert verdiente Männer zum Ritter, sie muß ein Trabrennen besuchen, und es sieht auf dieser Insel im Stillen Ozean überhaupt vieles aus wie bei ihr zu Hause in England. Diese Mittel- und Kleinstädte sind zum Verwechseln ähnlich und die Gepflogenheiten darin nicht weniger.

Aber auch bei dem wahrhaft freundschaftlichen Empfang auf den Freundschaftsinseln bei der netten großen Königin Salote von Tonga und ihrem dunklen fröhlichen Volk erschließt sich Sinn und Symbolkraft der britischen Krone. Blumen und Baumrinden-Teppiche, auf denen die Königin wandelt! Willkommenspforten mit Sprüchen „Welcome to Queen Elizabeth“ oder „God save the Queen“, die die Königin mit einem schnellen Blick betrachtet! Früchte und ganze am Spieß gebratene Hammel auf der fast berstenden Tafel am Hof der Königin Salote, an der Königin Elizabeth und ihr Gemahl in Hockstellung gehen müssen! Ehrengeschenke der Häuptlinge und rhythmische Freudentänze der farbigen Untertanen – diese Bilder beweisen den tiefen Zusammenhalt zwischen Krone und Commonwealth und die Würde einer Autorität, deren Attribute (wie es in der Krönungsformel heißt) Gnade und Gerechtigkeit sind und nicht Furcht und Zwang. Fern sind die Mau-Mau diesen Schauplätzen, aber wehmütig und skeptisch oder sehnsüchtig – je nach dem Standpunkt – fürchtet oder hofft der Betrachter, der überall die gefährliche Mischung zwischen Primitivität, Stammesüberlieferung und übertünchter Zivilisation, zwischen altem und neuem Zauber erkennen kann, auch hier könnte sich in naher Zukunft manches ändern. Auch wenn man nur die Bilder der Freudenfeste sieht und nichts vom Alltag erfährt, kann der deutsche Text des Sprechers, der peinlich banal Anfangsunterricht für Monarchisten zu erteilen scheint, die tiefe Beunruhigung nicht verscheuchen.