Ein Buch ist diesmal anzuzeigen, das weitaus mehr wert ist, als es kostet. Denn es ist sowohl ein gut geschriebenes als auch ein gutes Buch: Steh auf und geh von Hervé Bazin, kongenial übersetzt von Hermann Schreiber, herausgebracht vom Verlag Herold, Wien und München, 384 Seiten in Leinen, für 11,80 DM.

Das Thema: Die zwanzigjährige Constance ist seit einem Unfall gelähmt. Trotzig versucht sie, ihr Schicksal zu ignorieren, aber sie unterliegt. Von den Beinen greift die Krankheit auf die rechte Schulter über, bemächtigt sich des ganzen Armes, dann auch der linken Körperhälfte – „unheilbar“ sagen die Ärzte, und welch grausiges Ende ihr bevorsteht, sagt ihr das medizinische Wörterbuch.

Je näher aber dieses Ende rückt, desto aktiver wird ihr Geist, und desto deutlicher wird die Tendenz dieses Geistes: hin zu den anderen Menschen.

Hin zu Claude, dem gelähmten Kind einer ledigen Mutter, dessen Pflege sie übernommen hat; hin zu Luc, der als Maler ebenso mittelmäßig ist wie in seiner leicht sentimentalen Liebe zu Constance; hin zu Pastor Pascal, dem Routinier der Seelenrettung; hin zu Cathi, schön und dumm, und zu Serge, brutal und naiv; und hin zu der hilflos-hilfsbereiten Tante Mathilde, demalten polternden Roch, der betulichen Fürsorgerin Calien – zu lauter Menschen, die nicht gerade sehr schlecht sind, aber auch nicht gerade sehr gut; hin zu diesen Menschen, die alle wenigstens ein bißchen besser sein könnten, als sie tatsächlich sind – ein bißchen weniger lahm in ihrem Geist.

Diese Menschen aus ihrer geistigen Lähmung zu erlösen, erscheint der gelähmten Constance als sinnvolle Nutzung der ihr verbleibenden Frist; sie tut es nicht mit Kanzelphrasen und wichtigem Gesicht, sondern sozusagen im Jargon, weil man, wenn es einem in Wahrheit gelingen soll, einen Menschen an einen bestimmten Ort zu führen, vor allen Dingen darauf achten muß, ihn dort zu finden, wo er ist, und allda zu beginnen hat. Diese Wendung zu den anderen ist allein schon kühn, aber eigentlich erst ihre Liebe zu Serge, die aus ihrem sinkenden Körper aufsteht und nun ohne Umweg auf den anderen Menschen zugeht –: erst diese Liebe, „mit der zugleich die Demut kommt“, welche nun nicht mehr mit „Taktik“ zu verwechseln ist–; erst diese Liebe, keusch ohne Pathos, zeugt unwiderlegbar wider den Körper, der ihr die ärgsten Erniedrigungen bereitet, und zeugt ebenso machtvoll von dem Unverlierbaren im Menschen, das in Gottes Liebe aufgehoben ist, selbst wenn der Mennsch es nicht weiß. „Constance ist häufig ungerecht, niemals aber wirkt sie entmutigend“, konstatiert der alte Roch. „Und“, so fährt er fort, „muß man sich nicht fragen, woher sie ihre Kraft genommen und wer ihr das alles beigebracht hat?“

Gelähmt – das ist der Sinn dieses Buches – , gelähmt ist jeder von uns, jeder auf seine ihm eigentümliche Weise; wir alle sind körperbehindert: unser Geist ist behindert von unserer Physis, von unserer Natur. Daher ist hier nicht von irgendeinem erfundenen Fräulein Constance Orglaise die Rede, sondern ganz real von uns allen.

Dieses Buch ist das Heldenepos, das jeder von uns im Kampf mit sich selber zu leben hat; insofern nämlich, als jeder von uns, mag er’s wahrnehmen oder nicht, von Gott die Freiheit hat, die Chance der Ebenbildlichkeit zu nützen oder zu ignorieren. Es ist der Kriegsbericht von dem währenden Kampfe zwischen dem Willen des Geistes und der Schwäche des Fleisches – um der persönlichen Erlösung willen.

Geschrieben ist dieses Buch so, wie anscheinend nur ein Franzose ein derart heikles, im besten Sinne moralistisches Thema bewältigen kann: ohne jede erbauliche Salbaderei, sondern eher salopp und jedenfalls spannend, anschaulich; modern und ohne Prätention. Herbert Eisenreich