Hat doch Landesminister Sträter, als er jüngst vor der Fernsehkamera befragt wurde, ob er seinen Satz, der soviel Anstoß erregt hätte, auch heute noch genau so aufrecht halten wolle, erwidert: Ja, das wolle er; genau so! Sein Satz hatte gelautet, daß er, der Minister in Nordrhein-Westfalen, gegen die „Verkehrsverbrecher mit brutalen Mitteln“ vorgehen werde. Da ist es nun wirklich an der Zeit, gegen den Minister Sträter vorzugehen, nicht mit brutalen, sondern mit pädagogischen Mitteln. Hier muß nämlich etwas gutgemacht werden, was die – Schule versäumt hat. Wahrscheinlich war Sträter, als in seiner Klasse das Wort „brutal“ durchgenommen wurde, eben einmal ausgetreten. Also holen wir’s nach...

... Ja, Sie dort, Sträter, Sie mein’ ich. Stehen Sie auf! Na, nicht so schüchtern, Sträter! Es kostet ja nicht gleich den Kopf. Auch der klügste Mensch kann nicht alles wissen, nicht einmal ein Minister. So, und nun sagen Sie: Was bedeutet das Fremdwort „brutal“? Wie? Wissen Sie nicht? Also: „Brutal“ heißt „roh, grausam, gewalttätig“. Nehmen wir einmal ein Beispiel. Denken wir uns einen Staatsmann, der – tja, lieber Sträter, das ist in der Geschichte schon vorgekommen – roh und grausam ist. Folglich wird er rohe und grausam-wilde Mittel anwenden. Und nun umgekehrt: Wenn ein Staatsmann solche Mittel anwendet, ist er selber roh und grausam. Kann ein so beschaffener Mensch Minister sein? Waaas? Sie sagen „Ja“ ...? In welchem Falle? Na. Sträter, da bin ich aber gespannt ... Was? Wenn es gegen die „Verkehrsverbrecher“ geht? Ich bin nicht Jurist; ich weiß nicht, was „Verkehrs Verbrecher“ sind (hoffentlich wissen es die Juristen!). Aber es mag sein, daß Sie mit diesem etwas unbeholfenen Ausdruck besonders schlechte, bösartige, ja brutale Menschen meinen. Darf aber ein Mensch gegen grausame Menschen mit grausamen Mitteln vorgehen, gar noch, wenn er Minister ist? Nein, er darf es nicht. Er wäre ja dann ein roher Minister, während ein Staatsmann ... welche Mittel im Falle der Notwendigkeit gebrauchen soll? Richter, Sträter: Streng darf, ja muß er manchmal sein: unnachgiebig, vielleicht sogar hart. Nicht aber grausam, nicht brutal! Ein guter Minister – besonders wenn er wie Sie, Sträter, im Grunde seines Herzens ein guter Mensch ist – kann auch gar nicht brutal vorgehen, sei es selbst gegen die brutalsten Verbrecher; er kann und soll mit aller Strenge vorgehen, nicht aber mit aller Brutalität. Minister und zugleich brutal sein, wäre in einem geordneten Staat völlig unmöglich. Ja, wir können, da wir uns mit Logik befassen, noch weitergehen und sagen: Ein Mensch, der – obwohl gutherzig – sagt, daß er mit brutalen Mitteln vorgehen wolle, verübt einen Akt von Selbstbeleidigung. Er müßte vor Gericht erscheinen und sich selbst verklagen. Er würde bestraft werden und damit Genugtuung erhalten. Es würde ihm aufgegeben, sich selbst nie mehr „brutal“ zu schimpfen. Dies alles natürlich, wenn wirklich Gerechtigkeit regierte und Logik. Haben Sie jetzt verstanden, Sträter? Gut, setzen!...

Diesen Worten des durch unsere untertänigste Phantasie erzeugten Lehrers an einen Schüler Sträter, der gerade einmal ausgetreten war, haben wir nichts hinzuzufügen. Falls der Herr Minister jedoch seine Formulierung weiter aufrechterhält, werden wir gezwungen sein, mit strengen Mitteln gegen ihn vorzugehen und seinem Staatssekretär aufzugeben, an Stelle des Ministers fünfzigmal den Satz aufzuschreiben: „Ein Minister muß in seinen Formulierungen vorsichtig sein.“ J. M.