Seit Beginn dieses Jahres haben sich die Gegensätze im internationalen Konjunkturverlauf verschärft. Konnte man im vergangenen Jahr die Unterschiede im konjunkturellen Klima noch mit graduellen Abweichungen im wirtschaftlichen Fortschritt der westlichen Länder genügend kennzeichnen, so reicht eine derartige Charakterisierung für die inzwischen unverkennbar gewordene konjunkturelle Spaltung der westlichen Welt in Länder mit weiter hoher oder sogar verstärkter wirtschaftlicher Aktivität (Westdeutschland, Großbritannien) und Länder mit eindeutigen Rückschrittstendenzen (USA, Frankreich) nicht mehr aus.

Für den wichtigsten Exponenten dieser Spaltung, nämlich die Vereinigten Staaten, sind die Rückbildungstendenzen offensichtlich nicht nur rein temporärer Natur. Die „readjustments“, die die USA-Wirtschaft vornehmen muß, um ihre dem Absatz zum Teil erheblich vorausgeeilte Erzeugung – vor allem im Bereich der langlebigen Verbrauchsgüter – wieder in Einklang mit dem Markt zu bringen, verlaufen langsamer als erwartet. Sie drohen hierdurch auch jene Faktoren in ihren kontraktiven Bereich zu ziehen, die, wie etwa der private Verbrauch, aber auch die Anlageinvestitionen, bisher durch die „recession“ nicht oder jedenfalls nur geringfügig betroffen wurden.

Der private Verbrauch hat den seit Mitte vergangenen Jahres in den Vereinigten Staaten einsetzenden leichten Rückgang des Bruttosozialproduktes bisher nicht mitgemacht. Die Einzelhandelsumsätze hielten sich vielmehr auf hohem Niveau; auch der Januar-Umsatz lag geringfügig über dem entsprechenden Vorjahresergebnis. Das laufende persönliche Einkommen der Konsumenten, also die wichtigste Quelle der Verbrauchsfinanzierung, hat jedoch eine verstärkt sinkende Tendenz. Die Ursachen für diesen Einkommensrückgang, der ursprünglich von der beträchtlichen Schrumpfung der Farmereinkommen ausging, inzwischen jedoch auch den industriellen Bereich zunehmend erfaßte, liegen vornehmlich in Nachfrageminderungen im Bereich der Lagerhaltung (Rückgang der Lagerinvestitionen und Lagerabbau). Die Stabilität der Anlageinvestitionen vermochte ebensowenig den durch den Lagerabbau entstehenden Einkommens- und Beschäftigungsausfall der Konsumenten auszugleichen, wie umgekehrt die von diesem Einkommensausfall nicht berührte Stabilität des privaten Verbrauchs nicht genügte, der Investition neue Anregungen zu verschaffen. Durch die Einkommenssteuersenkung zu Beginn dieses Jahres ist zwar das verfügbare Einkommen erhöht worden, aber diese Erhöhung wird bei der gegenwärtigen Entwicklungstendenz des persönlichen Einkommens kaum mehr als gerade ausreichen, um die mit dem Beschäftigungsrückgang verbundenen Einkommensausfälle auszugleichen. Auch für den günstigsten Fall wird daher für das laufende Vierteljahr nur mit einem konjunkturell unveränderten, keineswegs jedoch mit einem konjunkturell wieder steigenden verfügbaren Einkommen gerechnet.

Obwohl bei allen Instanzen der amerikanischen Wirtschaftsführung kaum noch Zweifel darüber bestehen, daß es sich bei der gegenwärtigen konjunkturellen Konstellation um mehr handelt, als nur um eine vorübergehende Abweichung von der Grundtendenz, und dementsprechend auch der Weg zur Überwindung der gegenwärtigen „recession“ ausschließlich in einer expansiven Lösung der Anpassungsschwierigkeit gesehen wird, besteht in der Wahl der geeigneten Ansatzpunkte für die vorgesehene Therapie keineswegs Einmütigkeit. Dem selektiven Steuerermäßigungsprogramm der Regierung, das das Schwergewicht der steuerlichen Entlastung vornehmlich auf Erleichterungen und Anreize für die private Investition legt, stehen andererseits Forderungen gegenüber, die steuerliche Ermäßigung vor allem dem Verbrauch zugute kommen zu lassen, d. h. insbesondere die niedrigen Einkommensklassen steuerlich zu bevorzugen. Als konjunkturell wirksame Anregung gewinnen die letztgenannten Forderungen um so mehr an Bedeutung, als die jetzige „recession“ in ihrem Kern eine Absatzstauung auf dem Binnenmarkt ist. Hierbei würde das möglichst schnelle Nachziehen des Verbrauchs in die zu groß gewordene Erzeugung eher den Krankheitssitz dieser „recession“ treffen, als lediglich eine Anregung der Erzeugung und eine Erleichterung der privaten Investition. Hiervon würde die Investition zweifellos nur dann Gebrauch machen, wenn sie ihre zukünftigen Absatzchancen und Gewinnerwartungen positiv beurteilt.

Für Westeuropa und seine konjunkturell führenden Länder sind die Abschwächungen der amerikanischen Wirtschaftsaktivität bisher nicht fühlbar geworden. Der konjunkturell besonders empfindlichen kommerziellen Einfuhr der Vereinigten Staaten, die auf Schwankungen des Binnenmarktes sehr schnell reagiert, steht auch heute nach wie vor der relativ konjunktur-unempfindliche Block der amerikanischen Regierungskäufe und der Truppenausgaben im Ausland gegenüber. Dies ist ein Faktor, der bis zur Gegenwart für die Anreicherung der westeuropäischen Wirtschaft mit Dollarreserven eine entscheidende Rolle spielte; so wurde beispielsweise der bisherige Gold- und Dollarzuwachs Großbritanniens fast ausschließlich (über 90 v. H.) durch die amerikanische Rüstungshilfe ermöglicht. Auch selbst die reagiblen Rohstoffbezüge der Vereinigten Staaten haben, wenn man den seit Oktober bis Januar leichten Anstieg des internationalen Preisniveaus zugrunde legt, durch die amerikanische „recession“ bisher keine Einbuße erfahren. Vielmehr konnten sich auf dem internationalen Rohstoffmarkt sowohl die Hausse-Tendenzen auf einigen Teilmärkten (Kaffee, Kakao) als auch die Erholungstendenzen für verbrauchsnahe Rohstoffe ungehindert durchsetzen; nur die Metallpreise stagnierten und neigen weiter zur Schwäche.

Trotz dieser Widerstandskraft des Weltmarktes sind die Sorgen um die negativen Rückwirkungen eines sich, weiter verschärfenden amerikanischen Konjunkturabfalls in den übrigen Ländern der westlichen Welt nicht kleiner geworden. Vor allem Großbritannien, dessen wirtschaftliche Entwicklung neuerdings wieder durch stärkere, von inneren Faktoren (Verbrauch) herrührende Auftriebskräfte bestimmt wird, würde diese innere Expansion nicht nur vorzeitig abbrechen, sondern sich auch gerade durch eine so erzwungene Kontraktion wieder mehr als bisher von dem Ziel der Pfundkonvertibilität entfernen müssen.