In diesem Jahr wollen die Engländer den Negern der Goldküste eine autonome Regierung geben. Die Schwarzen arbeiten mit großem Eifer am Bau ihres vorläufig noch recht unsicheren Staates. Sie scheinen überhaupt Freunde der Arbeit zu sein. Aber abends erholen sie sich bei Musik und Tanz. In der Hauptstadt Accra kann man viele Gartentanzlokale finden, in denen es sogar bis zum Morgengrauen hoch hergeht. Die Afrikaner trinken dort holländisches Bier, englischen Gin und schottischen Whisky. Als ich in Accra in das prominenteste Dancing „Kit-Kat“ wollte, wurde ich nicht hereingelassen, obwohl mich englische und schwarze Prominenz empfohlen hatte. Der schwarze Portier blieb höflich, aber abweisend. Immer wieder sagte er: „Nein, so geht es nicht.“ Was ging so nicht? Ich hatte keine Krawatte um! Ich hätte zwar in Shorts kommen können, das hätte nichts ausgemacht. Aber eine Krawatte mußte sein. Schließlich lieh mir der schwarze Geschäftsführer einen Schlips. Die Situation war gerettet.

Die Afrikaner der Goldküste haben viele englische Gesellschaftsformen übernommen und – übertrieben. Wer in Accra auf sich hält, zieht sich abends um. Selbst einfachere Negerfrauen gehen gern wie eine englische Lady im Abendkleid aus, und sei es nur ins Kino. Den einzigen Mann, den ich frei von diesem „unzeitgemäßen Rummel“ fand, wie er es nennt, war der schwarze Premierminister Dr. Kwame Nkrumah. Ein sehr charmanter, aber hochgefährlicher Politiker, der alle Negerstaaten einigen will. „Wie Bismarck das Deutsche Reich“, sagte er mir wörtlich.

In der Negerrepublik Liberia braucht man sogar bei jedem geringsten Anlaß einen schwarzen Anzug, Smoking oder Cut. Plastrongs, Zylinderhüte und weiße oder gelbe Handschuhe sind sehr gefragt. Sie passen weder in die Landschaft noch in das Klima, weder in die Geschichte, noch zum Stil des Volkes. Niemand kümmert sich darum. Man glaubt, daß erst ein schwarzer Rock den feinen Mann macht, und versucht, die innere Unsicherheit durch Äußerlichkeiten zu Kompensieren, Dabei macht man Fehler, die manchmal lächerlich, manchmal recht bedenklich sind.

Kürzlich ereignete sich folgender Zwischenfall: Der diplomatische Vertreter eines europäischen Landes fuhr mit dem Präsidenten von Liberia nach Grand Bassam zur Einweihung neuer öffentlicher Gebäude. Stundenlang lief Exzellenz in der Suite des Staatschefs unter brütender Tropensonne einher. An Bord der Präsidentenjacht zurückgekehrt, zog der alte Herr seinen Rock aus. Sofort wurde er vom Chef des Protokolls gemaßregelt: so etwas gehöre sich nicht an Bord des liberianischen Präsidenten. Immer fürchtet der Afrikaner, daß er vom weißen Mann nicht für voll genommen wird, und er glaubt nicht, daß die Weißen sehr wohl Parvenüs von anderen Typen unterscheiden können. Einige, die zur „Schwarzen Elite“ gehören, leisten sich amerikanische Luxuswagen, vor allem in Liberia. Sucht man die Besitzer solcher Super-Stromlinienwagen aber zu Hause auf, so findet man, daß sie dürftiger leben als mancher Flüchtling in Europa. Ich erzählte in einem Vortrag an der Universität Monrovia jene hübsche Anekdote von Balzac, der von einer Verehrerin neue Hausschuhe erhielt, und sich daraufhin einen neuen Hausrock machen ließ, später einen neuen Schreibtisch. Schließlich ließ er sein Zimmer neu tapezieren, ja, das ganze Haus umbauen – einfach, um alles aufeinander abzustimmen. Man begriff mich nicht. – An der „University of Liberia“, wo auch ausländische Wissenschaftler und Lehrer arbeiten, wies man auf ein neues akademisches Fach hin: Man hatte gerade einen Lehrstuhl für Uhrenreparatur eingerichtet, weil, wie der Rektor, Professor Dr. Bond (ein USA-Neger) sagte, „Uhrmacher in Liberia dringend gebraucht werden“. Ich versuchte auf die Unmöglichkeit einer solchen Einrichtung im Rahmen einer Hochschule hinzuweisen. Man verstand nicht, was ich meinte.

Noch ein Wort über die Rolle des Weißen in dieser neuen schwarzen Gesellschaft. In jenen westafrikanischen Ländern, wo der weiße Mann gegenwärtig noch Herr ist, ist er themaster oder le patron. Aber dort, wo der Eingeborene schon „frei“ ist oder auf dem Wege, „frei“ zu werden, wird der weiße Mann mehr und mehr gesellschaftlich zurückgestellt, wenn nicht sogar diskriminiert. Es gehört sehr viel Takt dazu, nicht immer wieder unangenehme Zwischenfälle zu erleben, die dann mit dem herausfordernden Schlagwort enden: „Wann reist du ab, weißer Mann?“ Militanter Nationalismus und übersteigertes Rassenbewußtsein sind gefährlich im Wachsen.

Und die Frau? Man trifft gelegentlich schwarze Damen, die sich mit Eleganz bewegen. Aber in den meisten Fällen nützt es nichts, daß reiche Männer ihren Frauen von Pariser Modehäusern die neuesten Modelle schicken lassen: ihre Primitivität tritt dadurch nur um so deutlicher hervor. Mancher avantgardistische Westafrikaner weiß dies gut und wählt lieber – eine weiße Frau. Selbst der bereits genannte große westafrikanische Nationalist und Freiheitskämpfer Dr. Kwame Nkrumah hat eine weiße Freundin! Das ist kein Zufall, sondern ein Signum.

Westafrika von heute hat nur eine kleine Führerschicht, die klug genug ist, zu sagen: „Gewiß, wir müssen frei sein von allem Imperialismus. Aber unsere eigentliche Leidenszeit wird erst beginnen, nachdem wir wirklich die Freiheit erlangt haben.“