v. Z., München

In der letzten Woche haben etwa zweihundert Bewohner des jüdischen Lagers Föhrenwald versucht, gegen das American Joint Distribution Committee in München, eine der größten jüdischen Hilfsorganisationen, zu demonstrieren. Die deutsche Polizei zerstreute die Ansammlung auf Ersuchen des Komitees, bevor der Protestmarsch stattfinden konnte. Widerstand wurde mit dem Gummiknüppel gebrochen.

Warum wollten sie demonstrieren? Sie sind mit den Leistungen im Lager unzufrieden, sagt der Polizeibericht. Sie stellen übertriebene Forderungen, erklärt der Leiter des Joint Distribution Committees, aber wir unterwerfen uns dem Druck der Straße nicht. Wir wollen nur unser Recht, behauptet Jakob Elkes, der gewählte Sprecher des Lagers. Und was sagen die Föhrenwalder selber?

Da ist Hermann K. aus Dortmund zum Beispiel. Ich traf ihn in einem der weißen Häuschen, einige schmuck und einige schmutzig, die die Siedlung bilden, eingeschmiegt in die Reste des Föhrenwaldes, der ihr den Namen gab. Sie liegt fünfundzwanzig Kilometer südlich von München, im Kriege wohnten hier die Arbeiter der Munitionswerke Geretsried. Heute ist es das einzige jüdische Lager für heimatlose Ausländer in der Bundesrepublik, die Insassen der sechzig anderen hat man hier zusammengezogen, als die bayerische Regierung es am 1. November 1950 übernahm.

Hermann K. ist blond, untersetzt und kräftig und spricht den gemütlichen rheinischen Dialekt. Er hat ein paar Narben in seinem frischen, roten Gesicht, die von einer Mensur herrühren könnten. Sie stammen aber aus Auschwitz. „Ich bin am ganzen Körper voll davon“, sagt er, „aber das Schlimmste war, daß wir uns nicht wehren durften. Wir mußten strammstehen, wenn sie uns schlugen.“ Kein Wunder, daß er sich beherrschen muß, wenn er heute einen Gummiknüppel sieht. Weil er Tuberkulose bekam, kann er jetzt nicht zu seinen Verwandten nach Amerika. Die Hoffnung, auszuwandern, hat er fast aufgegeben. Er will arbeiten, heraus aus dem Lager und endlich ein Leben beginnen, heiraten und ein Heim und Kinder haben. Aber dazu braucht er Hilfe. Und dafür hat er demonstriert...

Ein anderer, Chaim N., kam gerade aus München zurück. Er ist Pole, trägt aber einen deutschen Namen, wie so viele im Lager. Er hat zwei blutunterlaufene Stellen auf der Stirn – „die Polizei hat mit Gummiknüppeln auf uns eingeschlagen“, sagt er auf Jiddisch, in jenem alten Deutsch, das einen wie ein Klang aus früheren Jahrhunderten immer wieder merkwürdig berührt.

Mit den anderen versammelte er sich in der Synagoge. „Ruhig demonstrieren, war die Parole“, berichtet er, „wir wollen einen schweigenden Protestmarsch zum Joint.“ Aber auf halbem Wege trat ihnen die Polizei entgegen. „Wir wollten uns nicht abdrängen lassen, da schlug sie zu. Natürlich habe ich mich gewehrt.“ Er wurde festgenommen, aber der Richter setzte ihn am andern Tage frei. Chaim ist zwangsverschleppt, Schreiner von Beruf. Solange die Auswanderung flott ging, zimmerte er seinen Kameraden Kisten und Kasten für die Reise, aber das hat ziemlich aufgehört. Für sich selber brauchte er keine, denn er hat ein Magenleiden davongetragen und wird kein Visum bekommen. Es wäre sinnlos für ihn, weiter im Lager zu bleiben. Irgendwo in Deutschland will er sich in seinem Beruf eine kleine Existenz schaffen, dazu braucht er eine Werkstatt und Handwerkszeug. Er weiß nur eine Stelle, an die er sich um Hilfe wenden kann, das „Joint“, und daß es ihm beistehe, sich aus der Hoffnungslosigkeit zu befreien, dafür hat er demonstriert...