Der Wiederaufbau des Hüttenwerkes in Salzgitter vollzieht sich jetzt in einer Phase des Konjunkturrückganges der Eisen- und Stahlindustrie. Wenn auch die Gesellschaft im vergangenen Jahre naturgemäß von dieser allgemeinen rückläufigen Tendenz erfaßt wurde, so setzte sie doch ihre Wiederaufbauarbeiten in der geplanten Weise fort. Die Errichtung des im vergangenen Frühjahr in Betrieb genommenen Siemens-Martin-Stahlwerks mit drei kippbaren SM-Öfen und, einem Fassungsvermögen von je 150 t ist unter einem Kostenaufwand von 37 Mill. DM praktisch beendet. Bis Ende Januar sind 125 873 t Rohstahl erzeugt worden. Die Jahreskapazität der drei SM-Öfen von etwa 250 000 t Stahl ist jedoch deshalb noch nicht auszunutzen gewesen, weil sich Rohblöcke zur Zeit schwer absetzen lassen. Die Situation wird sich ändern, sobald das Grob- und Mittelblechwalzwerk (300 000 bis 400 000 t jährlich) fertig und damit in der Lage ist, die Rohblöcke weiter zu verarbeiten. Die Errichtung dieses Walzwerkes ist in vollem Gange, so daß mit der Inbetriebnahme, wie vorgesehen, im Frühjahr zu rechnen ist. Die Kosten wurden mit 87,5 Mill. DM veranschlagt, von denen bereits 76 Mill. DM verbaut sind. Die Werksleitung hofft, vor allem den norddeutschen Raum mit Blechen beliefern zu können. Am Geschäft mit den Werften zeigt man sich besonders interessiert. Das Programm sieht Blechstärken von 3 bis 40 mm vor, und zwar in Handelsblechen Thomas- und SM-Güte, Baublechgüte I und II, Sonderstahlbleche in C-Güten, Kaltpreß-, Schiffsblech- und u. a. Kesselblechgüten.

Für den Wiederaufbau des Thomaswerkes, dessen Gesamtkosten mit 35 Mill. DM veranschlagt sind, wurden bisher 23 Mill. DM ausgegeben. Der erste der drei Großkonverter mit je 50 t Stahlausbringung soll im April angeblasen werden. Vor kurzem wurde auch mit dem Wiederaufbau des demontierten früheren Walzwerks I begonnen, dessen Kosten etwa 110 Mill. DM betragen werden. Die Gebäude und Fundamente dieses Werkes sind noch vorhanden. Eine Block-Brammenstraße sowie eine kontinuierliche Knüppel- und Stabeisenstraße sollen ausgebaut werden. In diesem Walzwerk soll jener Rohstahl verarbeitet werden, der nicht vom Blechwalzwerk verwendet wird. Bei der Festlegung des Programms im einzelnen ist eine besondere Abstimmung mit den in der Nähe liegenden Hüttenwerken Ilsede-Peine und Osnabrück vorgesehen.

Diese umfangreichen Aufbauarbeiten konnten die Auswirkungen der allgemeinen rückläufigen Entwicklung auf die Gesellschaft weitgehend ausgleichen. In der für die Belegschaft besonders kritischen Zeit vom Oktober bis Dezember 1953 hat das Hüttenwerk lediglich sechs Arbeitskräfte wegen Arbeitsmangels entlassen müssen, so daß die Belegschaft am 31. Dezember 5842 betrug. Allerdings ist die Zahl der innerbetrieblichen Versetzungen und Umsetzungen recht groß. Neben diesem innerbetrieblichen Kräfteausgleich wird es bis zum Abschluß der Wiederaufbauarbeiten nötig sein, dringend notwendige Fachkräfte und Spezialisten von außen her anzuwerben. Ihre Zahl ist jedoch im Verhältnis zu dem bis zum Herbst 1955 notwendigen Bedarf an Arbeitskräften relativ klein und bewegt sich in der Größenordnung zwischen 130 und 170 Personen. Entscheidend für den zusätzlichen Kräftebedarf wird zweifellos sein, ob es gelingt, die neu angelegten Hüttenbetriebe mit ihrer Produktion voll in den Markt zu bringen.

Jener Torsobetrieb des Werkes, wie er vor Beginn des Wiederaufbaues bestand, wäre – so sagt die Werksleitung – in der gegenwärtigen Krise der Eisen- und Stahlindustrie nicht zu halten gewesen. Es ist auch zu erwarten, daß ein abgerundetes Fertigungsprogramm der Hütte den Eisenerzbergbau der Gesellschaft wieder zu kontinuierlichen Leistungen bringen wird. Nach einer Hochkonjunktur von 1950 bis zum Frühjahr 1953 sind die Förderzahlen auf 60 (durchschnittliche Förderung der Monate Januar bis März 1953 100) im Dezember 1953 zurückgegangen, die Abrufe in der gleichen Weise. Gegenwärtig gehen rund 70 v. H. der Naßkonzentrat- und Sinterproduktion an fremde Hütten und nur 30 v. H. an das eigene Hüttenwerk der Gesellschaft. Dieser Anteil dürfte sich aber bei voller Produktion des Hüttenwerkes auf 50 v. H. erhöhen. Die Auswirkungen des Rückganges der Roheisenproduktion im Bundesgebiet in 1953 seien deshalb auf den westdeutschen Eisenerzbergbau stärker, weil sich einmal die Nachfrage nach Erzeugnissen aus SM-Stahl zu Ungunsten von Thomas-Stahl verstärkt habe und weil zum andern die Hütten im vergangenen Jahre mehr Auslandserz als zuvor eingesetzt hätten. Mit einer durchgehenden achttägigen Feierschicht aller Bergbaubetriebe der Gesellschaft hofft man, den Rückgang der Abrufe innerbetrieblich so auffangen zu können, daß die Förderung rentabel bleibt. Wenn auch nicht Spitzen wie 1952 erwartet werden, so wird doch eine Belebung des Marktes erhofft. Manches hänge auch davon ab, ob es gelinge, jenem „Aberglauben“ ein Ende zu machen, daß Thomas-Stahl schlechter sei als SM-Qualitäten? denn von der Erzeugung an Thomas-Roheisen ist die Absatzlage des inländischen Erzbergbaues weitgehend abhängig. td