Literarische Leibwachen stehen einem Dichter schlecht an – es sei denn, dieser habe, wie Stefan George, selbst das Verlangen, sich vor der Öffentlichkeit von einer Garde als Führer präsentieren zu lassen. Wozu aber braucht ein Autor wie Erwin Guido Kolbenheyer eine Leibwache? Es fehlt seinen Romanen nicht an Lesern, sein Name wird überall mit dem Respekt genannt, der einem so stattlichen und von solch brennendem Ernst durchdrungenen epischen Werk gebührt, die Literaturgeschichten führen ihn als Repräsentanten der „konservativen Revolution“ rühmend und ausführlich vor. Er könnte es getrost dabei bewenden lassen, denn es gibt ja manchen guten Autor, der recht viel ärger verkannt war und ist als er. Aber eine Gruppe seiner Freunde und Anhänger hat es sich in den Kopf gesetzt, für ihn in die Schranken zu treten und ihn der deutschen Öffentlichkeit von heute als „größten deutschen Dichter unserer Zeit“ und als Führer in eine bessere Zukunft aufzureden. Und hier wird die Sache verdächtig – durch den scharfen polemischen Ton und durch die Argumente.

Vor kurzem beging Kolbenheyer seinen 75. Geburtstag. Zu diesem Termin erschien in der Göttinger Verlagsanstalt, die dem Kreis um Hans Grimm nahesteht, das Buch „Kolbenheyer von dem früheren Literarhistoriker der Berliner Universität Franz Koch, der sich in der Widmung als persönlichen Freund Kolbenheyers bezeichnen darf. Seine Darstellung ist also durch den Jubilar autorisiert und muß vor allem auch als zuverlässiger Abriß von dessen Gedanken gelten. Denn, wie wir hier belehrt werden, ist der „Denker“ Kolbenheyer nicht vom „Dichter“ Kolbenheyer zu trennen. „Dichter und Denker verbinden sich in ihm zu völliger Einform“, schreibt Koch, „darum wird es unvermeidlich, einiges über die führende und entscheidende Leistung des Denkers zu sagen.“ So steht es da: „die führende und entscheidende Leistung“. Und das fordert die Kritik heraus.

Worin besteht die Leistung des Denkers Kolbenheyer, die sich, wie wir von Koch erfahren, von der ersten Skizzierung in dem Buch „Bauhütte“ von 1925 über die ausführliche Darstellung in der „Bauhüttenphilosophie“ von 1942 bis zur endgültigen Fassung der „Philosophie der Bauhütte“ von 1952 nicht gewandelt, sondern nur näher erläutert hat? Sie besteht in Formulierungen, die nicht so unbekannt sind, wie Koch behauptet. Die „biologische Geschichtsphilosophie“ Kolbenheyers faßt die Tätigkeiten des Erkennens, des künstlerischen Schaffens und des Glaubens als „funktionelle Ausformungen des lebendigen Plasma-Erbes“, als „fortschreitende Anpassungsreaktionen des Lebendigen auf seine Abhängigkeiten von der Außenwelt“. Ist das so originell? Im neunzehnten Jahrhundert dachten viele so, von Feuerbach bis zu Kolbenheyers Wiener Lehrer Ernst Mach, dem Positivisten. Damals versuchte man, den Geist naturwissenschaftlich zu erklären. Inzwischen haben Dilthey und Husserl gewirkt, Nicolai Hartmann und Jaspers. Die deutsche Philosophie ist in Bewegung. Nur Kolbenheyer ist dort stehengeblieben, wo er anfing. „Er sieht nicht“, sagt ein ihm so wohlwollender Kritiker wie Paul Fechter, „er sieht nicht das Befangenbleiben in der Atmosphäre von 1900, die trotz all seiner Auflehnungen und Proteste bei ihm die Herrschaft behält.“

Aber es mischt sich noch eine andere Atmosphäre in die von 1900. Denn Kolbenheyer lehrte schon 1925 und lehrt noch 1952, daß das „lebendige Plasma-Erbe“ nicht mehr bei allen Völkern gleich lebendig ist. „Biologisch jünger, plasmatisch mächtiger sind die germanischen Völker. Ihnen fällt daher die Durchsetzung des Fortbestandes der abendländischen Kultur als Aufgabe zu.“ Das gönnen sie aber, nach Kolbenheyer und Koch, nur, wenn sie den „Geist des mediterranen Christentums“ überwinden, der „in den deutschen Lebensboden eingedrungen ist und die Entwicklung des eigendeutschen Wachstums gehemmt und überfremdet hat“. Auch die Atmosphäre dieser Sätze ist vielen vertraut. Sie herrschte von 1933 bis 1945 in Deutschland. Vieles, was die damaligen Herrscher zu Papier brachten, schrieben sie von Kolbenheyer ab (nicht umgekehrt, denn er hatte ja schon 1900 so gedacht). „Daß Kunst als erbgeartete, gewachsene Erscheinung ihrem Ursprünge nach nicht anders als national sein kann, ist für den Bauhüttendenker selbstverständlich“, bezeugt Franz Koch. Auch für Joseph Goebbels, den begabtesten Schüler Kolbenheyers, war es selbstverständlich – ebenso wie die Forderung, daß „die Bühne dem volk- und artbewahrenden Ethos wiedergegeben“ werden müsse. Kolbenheyers Leibwache pflegt, wenn man auf solche Äußerungen ihres Führers hinweist, den Verdacht auszusprechen, man wolle dem Dichter und Bauhüttendenker Sätze „ankreiden“, die er vor Zeiten geschrieben habe. Es muß daher ausdrücklich gesagt werden, daß Kolbenheyer mit dem ganzen „starken selbstbewußten Gefühl des Rechthabens“, das Paul Fechter bei ihm konstatiert, an diesen Auffassungen auch heute festhält. In seinem „Dreigespräch über die Ethik der Bauhütte“ von 1952 wiederholt er alles, ja, er zieht erst hier selbst die Folgerungen für die Ethik. Kants kategorischen Imperativ nennt er „biologisch steril“ und formuliert seinerseits als einzige für den Deutschen unserer Tage gültige Maxime: „Handle so, daß du der Überzeugung lebst, mit deinem Handeln dein Bestes und Äußerstes dazu getan zu haben, die – Menschenart, aus der du hervorgegangen bist, bestands- und entwicklungsfähig zu halten.“

Da ist sie also immer noch, die Sonnenmonat für den Deutschen, die zwölf Jahre lang – frei nach Kolbenheyer – proklamiert worden ist. Es wäre albern, deswegen nach der Zensur zu rufen. Man darf sich schon darauf verlassen, daß dieser biologische Nationalismus, dieses „artgebundene“ Denken und Dichten, nicht wieder virulent zu machen ist. Aber da Kolbenheyers Leibwache sehr regsam ist und jeden in die Schranken fordert, der die „führende und entscheidende Leistung“ ihres Meisters nicht gelten lassen will, muß einmal gesagt werden, daß der Bauhüttendenker keinen Anspruch hat, daß die Öffentlichkeit ihn hört. C. E. L.